Von Christopher Daase und Nicole Deitelhoff

 

Nachdem die deutsche Politikwissenschaft sich vor ein paar Jahren auf der DVPW-Jahreskonferenz in Duisburg öffentlich selbst zerlegte (mit lähmenden Auswirkungen bis heute), sind gegenwärtig die Soziologen an der Reihe. Ein neu entfachter Streit über die methodologischen Grundlagen erhitzt die Gemüter und entzweit das Fach. War es bei den Politologen ein eher diffuser, von Ressentiments geprägter Konflikt (vgl. zib-Editorial 2/2015), sind die Fronten in der Soziologie wissenschaftstheoretisch schärfer gezogen: hier die traditionell qualitativ Forschenden, die die Soziologie als »multiparadigmatisch« verteidigen, dort die eher quantitativ Orientierten, die für eine empirisch-analytische Engführung der Disziplin eintreten. Zuletzt hat der seit Jahren schwelende Streit zu einer Abspaltung quantitativ orientierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der altehrwürdigen Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), von der sie sich nicht länger repräsentiert fühlten, und zur Gründung der »Akademie für Soziologie« geführt.

Mit Abspaltungen kennt sich die Politikwissenschaft aus. Die Trennung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP) von der DVPW 1983 hatte allerdings weniger wissenschaftstheoretische als politische Hintergründe. Auch ihre Auswirkung blieb begrenzt, zumal es keine Abgrenzungspolitik etwa mit Unvereinbarkeitserklärungen o. Ä. gab. Im Gegenteil wurden Viele Mitglieder in beiden Gesellschaften. Wichtiger noch: DVPW und DGfP arbeiteten in wissenschaftspolitischen Belangen eng zusammen, so z. B. bei der Wahrnehmung des Vorschlagsrechts für die Wahl des DFG-Fachkollegiums.

Gleichwohl sollte sich die Politikwissenschaft aus zwei Gründen für die jüngste Entwicklung in der deutschen Soziologie interessieren: Erstens ist die Gefahr, dass eine ähnliche Entwicklung – bis hin zu einem Schisma – auch in unserer Disziplin stattfindet, nicht von der Hand zu weisen. Und zweitens hat, selbst wenn es zu keiner Spaltung in der Politikwissenschaft kommt, die Verschärfung methodologischer Auseinandersetzung in der Soziologie auch für die Politikwissenschaft Folgen, insofern sie die Begutachtungsverfahren der DFG und anderer Forschungsförderer beinträchtigen können.

Schon jetzt zeichnet sich ein rauerer Ton in den wissenschaftlichen Debatten unseres Faches und ein zunehmend kompromissloses und intolerantes Verhalten in Begutachtungs- und Begehungsverfahren ab. Zwar beruht diese Einschätzung einstweilen auf »anekdotischer Evidenz«, sie erscheint aber doch so verbreitet, dass sie als Stimmungsbild in der deutschen Politikwissenschaft eine gewisse Berechtigung zu haben scheint. Dass wechselseitig die eine Seite der anderen die Wissenschaftlichkeit abspricht, weil entweder nicht mit hohen Fallzahlen operiert und Hypothesen getestet werden und folglich den Aussagen die empirische Evidenz fehle, oder aber, weil an einem völlig überholten Wissenschaftsbegriff und Kausalitätsvorstellungen festgehalten werde, die sich wissenschaftstheoretisch nicht halten ließen, ist eine unheilvolle Entwicklung. Sie führt nämlich nicht nur zu einer Delegitimierung anderer Ansätze und Wissenschaftsverständnisse, sondern auch zu einer zunehmenden Abgrenzung und Abschottung durch die Bildung immer kleinteiligerer Ansätze mit eigenen theoretischen Ausrichtungen, eigenen Arbeitsgruppen, eigenen Fragestellungen, eigenem Vokabular und eigenen Zeitschriften, bis hin zu eigenen Organisationen. Darüber geht der wissenschaftliche Streit, die Auseinandersetzung über die Sache unserer Disziplin, nämlich Politik, zunehmend verloren.

Was die Politikwissenschaft und die Internationalen Beziehungen (IB) eigentlich brauchen, ist methodenübergreifende Kooperation, die eine gewisse »epistemische Toleranz« voraussetzt. Damit ist nicht nur gemeint, qualitative und quantitative Verfahren gleichermaßen zuzulassen. Vielmehr geht es darum, Ansätze, die mit dem eigenen Wissenschaftsverständnis nicht kompatibel sind, gelten zu lassen, solang sie als rational begründbare Positionen Anerkennung erwarten können. Es geht also nicht um wissenschaftstheoretischen Relativismus und ein »everything goes«, sondern um eine begründbare Pluralität von Ansätzen, die Originalität und Innovationskraft der Disziplin erhält.

Bislang hat sich die Politikwissenschaft Versuchen von unterschiedlicher Seite, die begründbare Pluralität von Ansätzen zu verringern, erwehrt. Auch die zib hat dazu beigetragen, dass politikwissenschaftliche und IB-Beiträge nicht nach ihrer wissenschaftstheoretischen Ausrichtung, sondern nach ihrem thematischen Gehalt ausgewählt werden. Auch im DFG-Fachkollegium ist wissenschaftliche Qualität bislang nicht entlang epistemologischer Glaubensbekenntnisse gemessen worden. Das könnte sich allerdings bald ändern, wenn im nächsten Jahr die neuen Fachkollegien gewählt werden. In dem Maße, in dem die wissenschaftstheoretische Debatte im Fach unversöhnlicher, ideologischer geführt und anderen Positionen die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird, in dem Maße, in dem Wissenschaftsorganisationen mit epistemologischen Partikularinteressen ein Vorschlagsrecht beanspruchen und in dem Maße, in dem wissenschaftstheoretische Positionierung und nicht breite Erfahrung und epistemische Toleranz zum Vorschlagskriterium wird, werden sich auch in Entscheidungsgremien der Wissenschaftsförderung die Fronten verhärten. Die Folge könnte eine dauerhafte Blockade oder der Verlust der Vielfalt der Forschung sein. Beides kann nicht wünschenswert sein, darum haben wir als Titel dieses Frankfurter Abschiedseditorials »Schiss vor’m Schisma« gewählt und möchten mit groben Worten für mehr epistemische Toleranz werben.

Daneben und weit darüber hinaus möchten wir uns aber bedanken bei allen Kolleginnen und Kollegen, die uns als Autorinnen und Autoren, als Gutachterinnen und Gutachter und als Kommentatorinnen und Kommentatoren dabei unterstützt haben, die vier Frankfurter zib-Jahre zu gestalten.

Wir haben die Zeit vielleicht nicht immer in gleichem Ausmaß, aber doch immer genossen. Das lag nicht zuletzt, sondern ganz besonders an der hervorragenden Redakteurin der zib in Frankfurt: Lisa Bogerts hat die Redaktion mit ruhiger Hand und ihre beiden bisweilen hitzigen Herausgeber mit viel Gelassenheit und Witz geführt. Darum gilt ihr an dieser Stelle unser größter Dank!

Wir wünschen der zib natürlich in ihrer neuen Wirkungsstätte in Tübingen bei Hans-Jürgen Bieling, Thomas Diez und Andreas Hasenclever viele Sternstunden und aufregende Debatten und der all-male-Redaktion, mit einem Augenzwinkern, viele Autorinnen-Beiträge, damit das auf dem Cover nicht so schlecht aussieht.

Zum Abschied bleibt uns nur ein leises Servus, schön war’s mit Dir…

Christopher Daase und Nicole Deitelhoff