von Mitja Sienknecht

Es ist längst obsolet, Konflikte entlang von Kampfzonen oder staatlichen Grenzen zu analysieren. Konflikte haben sich auf vielfältige Weise entgrenzt, genau wie es die Forschungsperspektiven der IB und der Konfliktforschung tun sollten. In ihrem Beitrag in der aktuellen zib beschreibt Mitja Sienknecht die Entwicklung vom internationalen hin zum entgrenzten Konflikt. In diesem Blogbeitrag zeichnet sie ihre Argumente für eine auf Kommunikation basierende Forschungsperspektive nach, die es ermöglicht, die Entgrenzung von Konflikten ins weltpolitische System entlang einer territorialen, symbolischen und funktionalen Dimension zu analysieren.

Vom internationalen zum entgrenzten Konflikt

In der Forschung werden die Grenzen von Konflikten oftmals entlang der Kampflinien gezogen. Dies dokumentiert nicht zuletzt die Fixierung auf das militärische Element von Konflikten. Natürlich ist der gewaltsam ausgefochtene Teil von Auseinandersetzungen der folgenschwerste und sichtbarste und die Versuchung liegt nahe, Konflikte auf die Ausübung von Gewalt zu reduzieren. Der „innerstaatlicher Konflikt“ ist dabei lediglich das begriffliche Negativ zum „internationalen Konflikt“. Wenn die Erdoberfläche (von der Antarktis und der Hohen See einmal abgesehen) ausschließlich souveränen Staaten zugeteilt ist, dann kann sich Gewalt nur zwischen Souveränen, oder innerhalb eines souveränen Staates ereignen, so die Logik. Nach meinem Dafürhalten ist diese dualistische Sichtweise aber nicht nur obsolet, sondern sie verstellt uns geradezu den Blick auf einen der wichtigsten Aspekte moderner Konflikte: ihre vielfältige Entgrenzung.

Der bereits seit Jahrzehnten andauernde Konflikt zwischen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der türkischen Regierung weist beispielsweise seit Anbeginn eine regionale Dimension mit Rückzugsräumen im Nord-Irak auf. Es bleibt jedoch nicht bei dieser für innerstaatliche Konflikte oftmals charakteristischen regionalen Entgrenzung, sondern der Konflikt hat sich auch auf westeuropäisches Terrain ausgeweitet. Die PKK hat politische Organisationsstrukturen aufgebaut, versucht aktiv die kurdische Diaspora und linke Gruppierungen weltweit in ihr politisches Narrativ einzubinden und adressiert Organisationen des weltpolitischen Systems, hier vor allem die Europäische Union (EU), durch Bezugnahme auf internationale Normen und eine direkte Lobbyarbeit, um diese kommunikativ in das Konfliktsystem zu inkludieren.[1]

Diese Veränderung der Struktur von Auseinandersetzungen in unserer Welt stellt naturgemäß auch die Wissenschaft vor neue Herausforderungen. Wie sollen Konflikte beschrieben werden, in denen die klassischen Akteure, die Staaten, in den Hintergrund treten bzw. durch nichtstaatliche Konfliktparteien herausgefordert werden?

Die ordnungspolitische Dimension der Globalisierung

Gehen wir einen Schritt zurück. Noch in den 1990er Jahren schien die „Globalisierung“ das zentrale ordnungs- und wirtschaftspolitische Prinzip der Zukunft zu sein. Supranationale Organisationen wie die EU schickten sich an, Nationalstaaten abzulösen, multinationale Konzerne ließen das Bruttoinlandsprodukt so mancher Staaten aussehen wie eine Managerabfindung und soziale Bewegungen solidarisierten sich über Staatsgrenzen hinweg, um den grenzenlosen Freihandel zu kritisieren. Hinzu kam ein rasanter Anstieg in der normativen Verflechtung von Nationalstaaten, maßgeblich vorangetrieben durch die Internationalen Organisationen (IOs) des UN-Systems. Und eine weitere Grenzen überwindende Kulturrevolution bahnte sich an: die Erfindung des Internets. Diese kommunikative Vernetzung in globalem Maßstab ermöglichte den potentiellen Austausch aller Erdenbürger abseits von Schlagbäumen und Passkontrollen.

All diese Prozesse der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Globalisierung haben zwar nicht, wie häufig prophezeit wurde, zum Ende des Nationalstaates geführt, aber sie haben die Bedingungen, unter denen sich moderne Konflikte abspielen, völlig verändert. Es gibt heute kaum eine gewaltsame Auseinandersetzung, die nicht eine globale Dimension aufweist. „Innerstaatliche“ Konflikte wirken weit über die territorialen Grenzen des betreffenden Staates hinaus: Angrenzende Länder werden zu Kriegsschauplätzen oder dienen als Rückzugsräume, Konfliktparteien akquirieren Gelder und Kämpfer*innen im Ausland, unterhalten stabile transnationale Beziehungen zu Diasporagruppen und bauen Strukturen zu anderen nichtstaatlichen Konfliktparteien auf. Aber vielleicht am Wichtigsten: Das weltpolitische System hat zunehmende Relevanz für lokale Konflikte. Entscheidungen, die im politischen Zentrum, hier vor allem von IOs, getroffen werden, strukturieren in hohem Maße die Anschlussfähigkeit von Konfliktthemen und Konfliktparteien an normative Diskurse im internationalen Raum. Rechtsprechungen im globalen Rechtssystem können Legitimität verleihen oder schmälern und das Mediensystem wird für die Herstellung von Öffentlichkeit und Unterstützung immer relevanter.

Auch wenn territoriale Grenzen also nach wie vor eine zentrale Bedeutung in Konflikten spielen, da sie beispielsweise einen Grund für die Entstehung von Konflikten darstellen oder durch Rückzugsmöglichkeiten auf angrenzendes Staatsgebiet deren Dauer beeinflussen, werden sie in Konfliktsituationen auf vielfältige Weise herausgefordert und überwunden. Analytisch lassen sich hier drei verschiedenen Ebenen unterscheiden: Eine territoriale, eine symbolische und eine funktionale Entgrenzungsdimension.[2]

Territoriale, symbolische und funktionale Entgrenzung

Die territoriale Entgrenzung in Konfliktsituationen meint, dass entweder weitere Territorien zum Konfliktgegenstand werden, sich die Kampfhandlungen de facto ausweiten oder politische Strukturen in Drittstaaten aufgebaut werden. Kampfhandlungen auf anderes Gebiet zu verlagern, der Rückzug der Kampfverbände in Nachbarstaaten oder die Reproduktion des Konflikts in entfernten Regionen (beispielsweise in Staaten mit großen Diasporagruppen, politischen Sympathisant*innen oder religiösen Anhänger*innen) sind Beispiele für die territoriale Entgrenzung von Konflikten in militärischer Hinsicht. Darüber hinaus ist aber auch der Aufbau von politischen Organisationseinheiten der Konfliktparteien in Drittstaaten gemeint, der die Grundlage für eine kommunikative Entgrenzung ins weltpolitische System bilden kann. Durch diese territoriale Entgrenzung der Organisationsstruktur der Konfliktpartei und des Konfliktthemas wird die Verdichtung kommunikativer Erreichbarkeit hergestellt und der konfliktspezifische Kommunikationsraum weitet sich über die territorialen Grenzen des Staates, in dem sich der Konflikt ursprünglich ereignet hat, hinweg aus.

In symbolischer Hinsicht ist zu beobachten, dass nichtstaatliche Konfliktparteien versuchen, identitätsstiftende Narrative über Grenzen hinweg zu verbreiten. Diese können ethnische, religiöse oder politische Elemente beinhalten und tragen zur transnationalen Identitätsbildung bei. Symbolische Grenzziehung zielt also darauf ab, Personen bestimmten Gruppen zuzuordnen und Gefühle der Gleichheit innerhalb der Gruppe zu erzeugen. Symbolische Praktiken wie konfliktbezogene Demonstrationen, medienwirksame Aktionen, eigene Rituale usw. helfen dabei, eine Gruppenidentität zwischen Konfliktpartei und sympathisierenden Gruppen und Individuen über territoriale Grenzen hinweg aufzubauen und auch über Zeit und Raum hinweg zu stabilisieren. Die transnationalen Strukturen werden durch eigene Medienformate, wie Zeitungen, Fernsehsender und Internetseiten fortlaufend reproduziert und dienen zudem dazu das Konfliktnarrativ der Konfliktpartei zu transportieren.

Die funktionale Entgrenzung von Konflikten beschreibt den Strukturaufbau zwischen Konfliktparteien und Adressaten des weltpolitischen Systems. Internationale Organisationen stellen in dieser Hinsicht eine geeignete Adresse dar, da sie häufig normative Anknüpfungspunkte für die Konfliktthemen bereithalten. Der Anschluss an globale Normen und die Herstellung von Unterstützung durch IOs können den inneren Zusammenhalt der Konfliktpartei stärken, da die eigenen Ziele durch globale Normen legitimiert werden. Dies kann zu einem Ausgleich der naturgemäß asymmetrischen Machtstruktur zwischen Staat und nichtstaatlicher Gruppe, oder auch zur Anerkennung territorialer Ansprüche in separatistischen Konflikten führen. Durch die kommunikative Anschlussfähigkeit an IOs werden weitere Themen und Akteure integriert und das Konfliktsystem stabilisiert sich. Die Anschlussfähigkeit des Konfliktthemas im weltpolitischen System bei bestehender Exklusion aus dem nationalen Politiksystem stellt eine Sekundärinklusion für die nichtstaatliche Gruppe dar. Diese trägt zwar nicht direkt zu einer Überwindung der nationalen Exklusion bei, kann aber die Bearbeitung des Konfliktes in (welt-)politischen Bahnen ermöglichen und auf der Grundlage internationaler Normen Druck auf die nationale Regierung ausüben.

Entgrenzte innerstaatliche Konflikte

Es ist also schon längst obsolet Konflikte entlang staatlicher Grenzen zu analysieren und somit die Perspektive des methodologischen Nationalismus in der Konfliktforschung zu reproduzieren. Die Globalisierung hat zwar nicht zu einem Ende des Staates geführt, aber Konflikte haben sich in vielfältiger Weise globalisiert und werden von Globalisierungsprozessen beeinflusst. Es scheint daher angebracht, die Konfliktkommunikation bei der Analyse von Konflikten in den Fokus zu rücken und so die Grenzen von Konflikten empirisch zu fassen, anstatt sich von vorne herein an den Grenzen von Staaten zu orientieren. Auf diese Weise wird es möglich, auch die nicht-militärische Dimension, die im Zuge des weltweiten kommunikativen Vernetzungsprozesses an Relevanz gewonnen hat, in die Analyse von Konflikten miteinzubeziehen. Konflikte haben sich auf vielfältige Weise entgrenzt und dies sollten auch unsere Forschungsperspektiven tun.

 

Literatur

Pettersson, Therése/ Wallensteen, Peter 2015: Armed Conflicts, 1946-2014. Journal of Peace Research 52(4): 536–550.

Sienknecht, Mitja 2018a: Entgrenzte Konflikte in der Weltgesellschaft.: Zur Inklusion internationaler Organisationen in innerstaatliche Konfliktsysteme. Wiesbaden: Springer VS, S. 29.

Sienknecht, Mitja 2018b: Entgrenzte Konfliktkommunikation. Zum Aufbau von Kommunikationsstrukturen von nichtstaatlichen Konfliktparteien in das weltpolitische System, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 25: 1, S. 5-35.

 

[1] Vgl. zur Entgrenzung des Konfliktes ausführlich: Sienknecht, Mitja 2018b: Entgrenzte Konfliktkommunikation. Zum Aufbau von Kommunikationsstrukturen von nichtstaatlichen Konfliktparteien in das weltpolitische System, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 25: 1, S. 17-27.

[2] Vgl. zur Unterteilung der Entgrenzungsdimensionen ausführlich: Sienknecht, Mitja 2018b: Entgrenzte Konfliktkommunikation. Zum Aufbau von Kommunikationsstrukturen von nichtstaatlichen Konfliktparteien in das weltpolitische System, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 25: 1, S. 12-16.