von Christopher Daase und Nicole Deitelhoff

 

Es ist mal wieder soweit: Die alljährliche Karawane setzt sich in Bewegung Richtung Nordamerika zur Jahrestagung der International Studies Association (ISA). San Francisco ist für die Karawane eine vergleichsweise attraktive Oase, aber auch weniger interessante Orte ziehen jedes Jahr hunderte deutsche IBler über den Atlantik. Der ökologische Fußabdruck, den diese Karawane hinterlässt, dürfte beträchtlich sein.

Wie lässt sich diese Wanderbewegung Jahr für Jahr erklären?

Die naheliegendste Antwort ist, dass die ISA die größte Standesorganisation derjenigen ist, die sich wissenschaftlich mit internationaler Politik befassen, und ihre Jahrestagung der zentrale Ort, an dem die Debatten, die das Fach prägen, stattfinden. Aber finden denn überhaupt noch Debatten statt? Ist nicht eine der meistgehörten Klagen, dass die Internationalen Beziehungen (IB) gar keine Debatten mehr haben, sondern sich nur noch im Klein-Klein der jeweiligen Ansätze und Analysemodelle verlieren? Tatsächlich ist man doch meist unter Seinesgleichen in den Panels.

Die zweite Antwort lautet, dass die Internationalen Beziehungen per definitionem international seien; man dürfe sich nicht in nationalen Exklaven verbarrikadieren, sondern müsse den internationalen Austausch suchen. Aber Nordamerika ist nicht automatisch international; und die ISA, die vor allem nordamerikanisch (und ein bisschen europäisch) geprägt ist, vielleicht nicht der beste Ort dafür. Allerdings fehlen die Alternativen, denn der World International Studies Conference (WISC), die den Anspruch hat, wirklich global zu sein und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu versammeln, ist es bislang nicht gelungen, ein Gegengewicht zu bilden.

Bleibt die dritte Antwort, dass die ISA deswegen die bessere deutsche Sektionstagung ist, weil die IB letztlich ein (post-)koloniales System darstellen. Die deutsche, wie auch die anderen europäischen IB-Communities, etwa die nordische oder die niederländische, stellen in diesem System bestenfalls eine Art Semiperipherie dar. Sie können zwar Beiträge zu Debatten leisten, die im Zentrum laufen, aber Debatten selber initiieren können sie nicht oder nur ganz selten. Tatsächlich fällt es selbst »exzellenter« Forschung und Großprojekten schwer, sich auf dem nordamerikanischen Markt der Ideen und Theorien Gehör zu verschaffen, und das trotz nicht unerheblicher PR-Maßnahmen. Um überhaupt mitspielen zu dürfen, so wird oft beklagt, müssen wir uns auf Themen, Fragestellungen und Methoden des Zentrums einlassen und das machen wir auch bereitwillig und trocknen darüber nach und nach unsere eigenen Debatten aus: Wir publizieren nicht auf Deutsch, weil das unsere h-Werte nicht nach oben treibt, wir besuchen kaum noch deutsche Konferenzen, weil die Reisemittel besser international eingesetzt sind und – das gefällt uns nach wie vor am besten – wir zitieren keine deutschen Kolleginnen und Kollegen in unseren englischsprachigen Publikationen, weil wir sie entweder nicht zur Kenntnis genommen haben oder ihre deutschen Texte international nicht zitationsfähig sind.

Aber nur keine Larmoyanz! Lasst uns halt besser werden. Es ist das Schicksal der Semiperipherie, dass sie das Lokale pflegen muss, um nicht in die Peripherie abzudriften und das Globale (oder sich für global Haltende) bedienen muss, um dem Zentrum zu gefallen. Also lasst uns die Kamele besteigen und in ein Land reisen, dessen politische Entwicklung uns mit Sorge erfüllt, dessen Einreiseregime unsere Rechte auf Privatheit verletzt und dessen Außenpolitik gegenwärtig zwar ein wunderbares Studienobjekt darstellt und hoffentlich zur Erneuerung der Außenpolitikforschung beiträgt, aber gleichzeitig auf eine größere Katastrophe zusteuert. See you in San Francisco.

Nach diesem kleinen Rundgang durchs Postkoloniale danken wir wie immer im ersten Heft des Jahres all denjenigen Kolleginnen und Kollegen, die das letztlich redundante Publikationswesen der Semiperipherie mit ihrer Arbeitszeit stützen: den Autorinnen und Autoren, aber auch und vor allem den Gutachterinnen und Gutachtern der zib im Jahr 2017:

 

Aristotelis Agridopoulos

Thorsten Bonacker

Benjamin Braun

Lothar Brock

Achim Brunnengräber

Robin Celikates

Melanie Coni-Zimmer

Matthias Ecker-Ehrhardt

Stephan Engelkamp

Katja Freistein

Dorothea Gädecke

Angela Geck

Anna Geis

Katharina Glaab

Nadine Godehardt

Tine Hanrieder

Monika Heupel

Maren Hofius

Heike Holbig

Anna Holzscheiter

Holger Horz

Christoph Humrich

Anja Jakobi

Jutta Joachim

Julian Junk

Magdalena Kirchner

Andreas Klee

Hubert Knoblauch

Martin Koch

Simon Koschut

Philip Liste

Carlo Masala

Daniel Mertens

Diana Panke

Judith Renner

Elvira Rosert

Rainer Schmalz-Bruns

Carina Schmitt

Lea Shih

Ulrike Solmecke

Titus Stahl

Claudius Wagemann

Klaus Dieter Wolf