von Daniel Göler und Lukas Zech

 

Wir freuen uns sehr, dass unser Beitrag „»Füße still« und »keine Beunruhigung zuhause«. Eine filmpolitologische Analyse zur strategischen Kultur in Deutschland“ in der zib 2/2017 die Debatte über Filme in den IB weiter angestoßen hat – genau das war, neben der inhaltlichen Zielsetzung, unsere Intention. Einige Kritikpunkte aus der Replik von Axel Heck auf dem zib-Blog möchten wir hier aufgreifen, um die Herangehensweise unseres Beitrags zu verdeutlichen.

 

Sicherlich haben der Produktionshintergrund eines Films oder die Ansichten von Filmemacherinnen und Filmemachern – wie von Axel Heck angemerkt – einen entscheidenden Einfluss auf das Filmresultat. Wir haben dennoch diese Perspektive bewusst ausgeblendet, da wir den Film als mediales Produkt an sich betrachten wollten. Schließlich entfalten Filme auch ohne die Kenntnis von Produktionshintergründen, Ansichten, Absichten und Intentionen der Filmemacherinnen und Filmemacher ihre Wirkung. Warum fokussieren wir unseren Blick auf diese Art und Weise? Beschäftigt man sich mit klassischen Handreichungen zur Filmanalyse, so zeichnen sich schnell verschiedene Ansätze bzw. Erkenntnisinteressen ab: Während manche Herangehensweisen auch den Entstehungshintergrund der Filme miteinbeziehen [1], gehen andere – wie auch die Mediensemiotik, auf die wir unser Verständnis stützen – davon aus, dass Filme als mediale Artefakte zu verstehen sind und in erster Linie für sich selbst stehen und für sich selbst sprechen (Gräf et al. 2011: 36; Krah 2011: 28-29). Nach dieser Sichtweise ist es also durchaus zulässig, sich auf den Film selbst zu fokussieren, weswegen wir uns diesem Verständnis angeschlossen haben.

Uns ist dabei selbstverständlich bewusst, dass eine Filmanalyse, die sich auf den Inhalt der Filme beschränkt und andere Aspekte ausblendet, ein stark reduziertes Vorgehen darstellt. Allerdings muss eine Filmanalyse nicht zwangsläufig alle möglichen Formen der filmischen Bedeutungskonstruktion und ihrer Hintergründe abbilden, sondern erlaubt den Fokus auf für das jeweilige Forschungsinteresse relevante Aspekte.

In unserem Fall ging es darum, zwei ausgewählte Filme daraufhin zu untersuchen, welche Elemente strategischer (Sub-)Kultur sich in ihnen zeigen und wie sich diese in die wissenschaftliche Debatte über die strategische(n) (Sub-)Kultur(en) einordnen.  Hintergrund war die in der theoretischen Debatte zur Strategic-Culture-Forschung hervorgehobene, in der empirischen Forschung bisher aber kaum berücksichtigte Annahme, dass zur Erfassung der strategischen Kultur auch kulturelle Artefakte lohnenswerte Untersuchungsgegenstände sind, da diese sowohl Repräsentationen bestimmter Vorstellungen und Werte zum Einsatz militärischer Mittel sein als auch diese wiederum beeinflussen können. Diese Perspektive impliziert aber ein Stück weit, dass die entsprechenden kulturellen Artefakte – hier die beiden Spielfilme »Auslandseinsatz« und »Zwischen Welten« zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr – in ihrer vorliegenden Form als Basis fungieren. Fragen danach, welche finanziellen Restriktionen, welche von den Produzenten antizipierten Sehgewohnheiten oder welche Unterstützung durch öffentliche Stellen, Sender oder die Bundeswehr selbst eine Rolle gespielt haben, sind für eine kritische Betrachtung der deutschen Filmförderung oder auch etwaige (politische) Einflussnahmen auf Filmproduktionen hochrelevante politikwissenschaftliche Fragestellungen. Sie führen allerdings von der von uns beabsichtigten Untersuchung konkreter vorliegender kultureller Artefakte mithilfe des Strategic-Culture-Ansatzes weg. Gleiches gilt auch für die Frage, zu welchen Themen keine Filme angefertigt wurden.

Axel Hecks Kritik verdeutlicht jedoch eine wichtige Tatsache für die Diskussion um eine Filmpolitologie: Eine theoretisch und methodisch orientierte Filmpolitologie lässt prinzipiell eine Vielzahl an Möglichkeiten der Umsetzung zu. Gerade diese Pluralität sehen wir als besondere Stärke, denn sie kann die Debatte befruchten und diese Forschungsagenda weiter voranbringen.

Die Frage, inwieweit fiktive Filme Daten für filmpolitologische Fragestellungen sein können, muss aus unserer Sicht nicht mehr in aller Ausführlichkeit begründet werden. Dass fiktive Filme etwas über umstrittene Themen und deren Verarbeitung in der Gesellschaft aussagen können, zeigen die zahlreichen Beiträge aus den filmorientierten IB, die sich mit fiktiven Filmen befassen (siehe z.B. Carvalho 2006; Dalby 2008; Engelkamp/Offermann 2012). Selbstverständlich zeigen viele Filme gerade nicht originalgetreu die Realität eines Auslandseinsatzes. Doch es kommt hier aus unserer Sicht weniger darauf an, ob Filme einen real existierenden Einsatz besonders gut und realistisch abbilden und daher als Datengrundlage geeignet sind, sondern vielmehr darauf, welche möglicherweise auch unrealistischen, naiven oder idealisierten Geschichten erzählt werden. Denn wie ein Einsatz filmisch dargestellt wird, lässt Rückschlüsse darauf zu, wie mit dem Thema gesellschaftlich umgegangen wird. Hierfür eignen sich auch die von Axel Heck so bezeichneten „Hochglanzfilme“. Sein Hinweis, dass Filme an Sehgewohnheiten der Zielgruppe angepasst werden, ist aus unserer Sicht daher sogar ein starkes Argument dafür, dass sich darin gesellschaftlich relevante Themen und soziale Werte und Normen äußern und sich die nationalen Eigenheiten – bei uns Vorstellungen, Werte und Normen zum Einsatz militärischer Mittel – dadurch herausarbeiten lassen. Gerade zum Problem Realitätsnähe bzw. -ferne liefert dabei auch der von uns gewählte Strategic-Culture-Ansatz ein starkes theoretisches Argument. Denn dieser misst kulturellen Artefakten – unabhängig von ihrer Realitätsnähe – eine Bedeutung zu, da sich in ihnen bestimmte Vorstellungen manifestieren, die als Teil der strategischen Kultur angesehen werden können und ihrerseits wiederum in die Gesellschaft hineinwirken – und zwar unabhängig davon, ob das kulturelle Artefakt als realitätsnah oder realitätsfremd inszeniert ist.

Besonders spannend finden wir Axel Hecks Vorschlag, Auslandseinsätze der Bundeswehr anhand von Aufzeichnungen und Videos von Soldatinnen und Soldaten zu untersuchen. Hier liegt für die Zukunft sicherlich viel Potenzial für eine IB-orientierte Filmpolitologie. Für die von uns eingenommene Perspektive der theoretischen Rückbindung eines filmpolitologischen Ansatzes an den Strategic-Culture-Ansatz empfänden wir eine Fokussierung auf die gesellschaftliche Teilgruppe der Soldatinnen und Soldaten aber als zu eng. Denn dem Strategic-Culture-Ansatz geht es – in unserem Verständnis – um die gesamtgesellschaftlichen Werte, Normen und Vorstellungen zum Einsatz militärischer Mittel. Entsprechend sehen wir auch die von Heck vorgeschlagene Analyse der Rezeption der Filme in Bundeswehr-Foren als weitaus weniger aussagekräftig als die von uns gewählte Betrachtung von Rezensionen in großen deutschen Printmedien. Das soll nicht heißen, dass das von Heck vorgeschlagene Vorgehen nicht wichtige Erkenntnisse für die Frage bringen kann, wie Soldatinnen und Soldaten ihre eigenen Einsatzerfahrungen in der filmischen Inszenierung widergespiegelt sehen oder nicht. Allerdings wären hierzu vermutlich andere Analysemodelle als der Strategic-Culture-Ansatz zielführender.

Gerade Letzteres zeigt dabei natürlich auch, dass der Strategic-Culture-Ansatz trotz der von uns gesehenen Leistungen, die er für eine filmpolitologische Analyse mit sich bringt, keinesfalls ein Catch-It-All-Instrument für alle politikwissenschaftlichen Fragestellungen sein kann, welche sich bei einer Analyse der filmischen Verarbeitung von Bundeswehr-Auslandseinsätzen anbieten. Er ist – wie alle theoretischen Modelle – immer reduktionistisch. Für bestimmte Aspekte, das hoffen wir herausgearbeitet zu haben, kann er ein hilfreiches theoretisches Analyseinstrument sein, das vor allem durch die Möglichkeit der Vergleiche mit der nicht auf kulturelle Artefakte bezogenen Strategic-Culture-Forschung Potenzial besitzt. Für viele andere spannenden Fragestellungen eignet er sich aber nicht. Axel Heck hat hierbei in seiner Replik auf eine Fülle solcher Fragen hingewiesen. Wir würden uns freuen, wenn diese aufgegriffen und für die Weiterentwicklung einer theoriegeleiteten, IB-orientierten Filmpolitologie genutzt würden, die – hier stimmen wir Axel Heck zu – erst am Anfang steht.

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[1] Siehe z.B., als eines von mehreren Erkenntnisinteressen unter dem Schlagwort „Kontext“ auf diese Möglichkeit verweisend, Mikos 2015: 61-63; sowie, diesen Aspekt unter den Begriffen „Bedingungsrealität“ und „Wirkungsrealität“ fassend, Korte 2010: 23-24.

 

Literatur

Carvalho, Benjamin d. 2006: War Hurts: Vietnam Movies and the Memory of a Lost War, in: Millennium – Journal of International Studies 34: 3, 951–962.

Dalby, Simon 2008: Warrior Geopolitics. Gladiator, Black Hawk Down and The Kingdom Of Heaven, in: Political Geography 27: 4, 439–455.

Engelkamp, Stephan/Offermann, Philipp 2012: It’s a Family Affair. Germany as a Responsible Actor in Popular Culture Discourse, in: International Studies Perspectives 13: 3, 235–253.

Gräf, Dennis/Grossmann, Stefanie/Klimczak, Peter/Krah, Hans/Wagner, Marietheres 2011: Filmsemiotik. Eine Einführung in die Analyse audiovisueller Formate, Marburg.

Korte, Helmut 2010: Einführung in die systematische Filmanalyse, Berlin.

Krah, Hans 2011: Kommunikation und Medien: Semiotische Grundlagen, in: Krah, Hans/Titzmann, Michael (Hrsg.): Medien und Kommunikation. Eine interdisziplinäre Einführung, Passau, 11–30.

Mikos, Lothar 2015: Film- und Fernsehanalyse, Konstanz.