Liebe Leserinnen und Leser,

die neue zib ist draußen – und mit ihr, neben drei anderen spannenden Texten, auch ein Beitrag der filmpolitologischen Analyse zur strategischen Kultur in Deutschland. In einer Blog-Replik diskutiert Axel Heck Potenziale und Herausforderungen einer solchen empirischen Arbeit – beides finden Sie jetzt online hier auf dem Blog bzw. in der E-Library des Nomos-Verlags.

Viel Spaß beim Lesen und Diskutieren,

die zib-Redaktion

 

»Begrenzt einsatzfähig«: fiktionale Filme als Herausforderung für die Filmpolitologie

Eine Replik auf den Beitrag von Daniel Göler und Lukas Zech in der aktuellen zib

von Axel Heck  

Internationale Politik wird auch im abendlichen Blockbuster verhandelt. Daniel Göler und Lukas Zech läuten mit ihrem Beitrag über die Repräsentation von Elementen strategischer Kultur in deutschen Afghanistan-Filmen dankenswerter Weise eine neue Runde in der Debatte über eine Filmpolitologie ein. In meiner Replik werde ich auf einige Aspekte im politikwissenschaftlichen Umgang mit fiktionalen Filmen eingehen, um weitere Denkanstöße zu liefern. In erster Linie werde ich die empirische Fokussierung auf fiktionale „Hochglanzfilme“ problematisieren und auf das Spannungsverhältnis zwischen filmischer Realitätsfiktion und den realweltlichen Bedingungen des Afghanistan-Einsatzes eingehen. Ich möchte auch dafür plädieren, bei der Auseinandersetzung mit Filmen nicht nur darauf zu achten, was und wie etwas filmisch gezeigt, sondern auch eine Sensibilität dafür zu entwickeln, was gerade nicht filmisch verarbeitet und massenmedial repräsentiert wird.       

Durch ihren Beitrag mit dem Titel »›Füße still‹ und ›keine Beunruhigung zu Hause‹. Eine filmpolitologische Analyse zur strategischen Kultur in Deutschland« legen Daniel Göler und Lukas Zech eine empirisch fundierte Untersuchung zweier Filme vor, die den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zum Gegenstand haben. Theoretisch greifen die beiden Autoren auf das Konzept der »strategischen Kultur« zurück, um aus diesem Ansatz heraus forschungsleitende Fragestellungen zur strukturierten Filmanalyse zu entwickeln. Durch die Analyse soll gezeigt werden, wie Filme (exemplarisch anhand von »Auslandseinsatz«[1] und »Zwischen Welten«[2]) und die strategische Kultur in Deutschland in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis stehen. Darüber hinaus verfolgen die Autoren jedoch das Ziel, die von Gabi Schlag und mir (Heck und Schlag 2015) angestoßene Debatte über eine Filmpolitologie (siehe auch die Debatte auf dem zib-Blog) zu bereichern.

Grundsätzlich steht jede politikwissenschaftliche Filmanalyse vor der Herausforderung, einen Erkenntnismehrwert erzeugen zu müssen, der über eine film-, kultur-, und medienwissenschaftliche Untersuchung hinausgeht. Eine Filmpolitologie kann also nur dann einen fundierten Anspruch auf wissenschaftliche Relevanz erheben, wenn sie in der Lage ist, theoretische, methodische oder empirische blind spots aufzuzeigen und Erkenntnislücken zu schließen. Göler/Zech behaupten, dass ihnen genau dies gelungen sei, da in der Forschung zur strategischen Kultur eine Auseinandersetzung mit populärkulturellen Artefakten allgemein und mit Filmen im Besonderen weitgehend fehle. Der Beitrag versucht nun, diese Lücke zu schließen, indem Filme als Analysegegenstände konzeptualisiert werden, da sie Aspekte der strategischen Kultur verhandeln. Da die Forschung über strategische Kultur in erster Linie durch die Politikwissenschaft/IB geprägt wurde, ist unmittelbar einleuchtend, dass hier eine theoretische Verknüpfung hergestellt wird, die film-, kultur-, und medienwissenschaftliche Untersuchungen in aller Regel nicht vornehmen würden. Ich schließe mich der Argumentation der beiden Autoren in diesem Punkt auch umfänglich an, denn durch die konzeptionelle Erweiterung der Strategische-Kultur-Forschung auf den Bereich der Populärkultur wird die inhaltliche Auseinandersetzung mit Filmen nachvollziehbar begründet.

Ich habe im Wintersemester 2016/17 an der Universität Kiel ein Seminar mit dem Titel »Kriegsgeschichte(n): Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr in Filmen und Dokumentationen« angeboten, in dessen Rahmen ich mit den Studierenden u.a. auch die beiden Filme »Auslandseinsatz« und »Zwischen Welten« genauer analysiert habe. Das Grundproblem beider Filme besteht darin, dass sie lediglich eine Fiktion der FilmemacherInnen über die Einsatzrealitäten deutscher Soldaten in Afghanistan anbieten, die in vielerlei Hinsicht mit den tatsächlichen Einsatzrealitäten vor Ort nur wenig gemein haben dürften. Beide Filme entwickeln ihre Geschichte entlang der für Spielfilme typischen Erzählmuster, um einen Spannungsbogen aufzubauen, der auf ein großes Finale und eine dramatische Wendung der Filmhandlung hinausläuft. In »Auslandseinsatz« gipfelt der Film in einer missglückten Rettungsaktion (die aus einer abstrusen Liebesgeschichte sowie einer eklatanten Befehlsverweigerung resultiert); in »Zwischen Welten« stirbt aufgrund menschlich nachvollziehbaren, aber eigenmächtigen und befehlswidrigen Handelns des tragischen Helden dessen Stellvertreter.

Es geht in einer filmpolitologischen Analyse ganz sicher nicht darum, die Qualität der Filme nach den Maßstäben des Feuilletons zu bewerten und zu gewichten. Allerdings würde ich erwarten, dass die Erzähllogiken und der Sinn der narrativen Muster reflektiert und hinterfragt werden – das geschieht im Beitrag lediglich in Bezug auf einige filmimmanente Aspekte. Dabei gerät meines Erachtens jedoch aus dem Blick, dass RegisseurInnen, DrehbuchautorInnen und  SchauspielerInnen ihre Figuren nach einem selbst geschriebenen und weitgehend erfundenen Skript handeln und agieren lassen, um die durch das Drehbuch vorgegebene Geschichte spannungsreich und actiongeladen zu erzählen. Ziel ist, dass der Film möglichst viele ZuschauerInnen erreicht und auch emotional berührt. Handlungsstränge, Szenenbild und Kameraeinstellungen sind bei fiktionalen Filmen prinzipiell kontingent, werden aber auch an den Seherwartungen und Gewohnheiten der Zuschauerzielgruppe ausgerichtet. SchauspielerInnen werden nach Vermarktungskriterien und verfügbarem Budget gecastet. Die Realitätsnähe steht im fiktionalen Film immer hinter dramaturgischen und nicht zuletzt auch kommerziellen Erwägungen zurück. Nur am Rande sei bemerkt, dass »Zwischen Welten« weitgehend in Afghanistan,  »Auslandseinsatz« (wie andere Afghanistanfilme auch) hingegen in Marokko gedreht wurde. Das wirft die Frage auf, was fiktionale Filme eigentlich für »Daten« sind. Unter welchen  Bedingungen sind sie entstanden, wer ist für ihre Herstellung verantwortlich und wer hat das Projekt eigentlich finanziert? Zudem haben wir es hier noch mit zwei Filmen zu tun, die einem sehr spezifischen Genre zugeordnet werden können, nämlich dem Kriegsfilm. Das Kriegsfilmgenre ist hinsichtlich seiner propagandistischen Qualitäten politisch nicht gerade unverdächtig, sodass eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Produktionskontext der beiden Filme nicht so abwegig gewesen wäre.[3]

Natürlich werden auch in und durch die beiden fiktionalen Filme implizite und explizite Repräsentationen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan, deutscher Soldaten (und übrigens auch Soldatinnen) sowie der afghanischen Zivilbevölkerung angeboten, die filmpolitologisch untersucht werden können. In »Auslandseinsatz« geraten Daniel Gerber (Max Riemelt) und Ronnie Klein (Hanno Koffler) sogar in einen Streit über die Sinnhaftigkeit des Bundeswehreinsatzes und auch in den Dialogen mit dem Malik des fiktiven Dorfes Milanh werden die Absurdität sowie die Widersprüche des Einsatzes und seiner Regeln thematisiert. Ich habe diese Szenen selbst in einer Einführungsvorlesung verwendet, um Studierende darauf hinzuweisen, dass zentrale politische Fragen nicht nur im Parlament verhandelt werden, sondern eben auch in Spielfilmen, die buchstäblich in die Gesellschaft ausstrahlen, während sich für Parlamentsdebatten in der Regel nur eine kleine, politisch höchst interessierte Öffentlichkeit oder eben PolitikwissenschaftlerInnen interessieren (aber auch die Analyse von Parlamentsdebatten ist deshalb nicht unwichtig!).

So sehr ich also das grundsätzliche Anliegen der Autoren unterstütze und die Ansicht teilen würde, dass Strategische-Kultur-Forschung auf filmische Artefakte ausgeweitet werden sollte, so sehr hege ich auch Zweifel daran, ob aus der Analyse der ausgewählten fiktionalen Filme wirklich etwas über die Wechselseitigkeit von Populärkultur und strategischer Kultur in Deutschland zu erfahren ist. Die Ebene der Rezeption der Filme taucht zwar in der Analyse auf, jedoch hauptsächlich durch vereinzelte Verweise auf Filmkritiken in Zeitungen. Interessant wäre es zu sehen, wie solche Filme von SoldatInnen selbst aufgenommen werden. Finden sie sich überhaupt wieder? Eine systemische Analyse von Soldatenblogs oder auch eine Rezeptionsstudie mit SoldatInnen wäre sicherlich aufschlussreich, um zu erfahren, ob die in den Filmen repräsentierten Aspekte strategischer Kultur von ZuschauerInnen reflektiert werden, oder ob es sich lediglich um die fiktionalen Vorstellungen von strategischer Kultur seitens der FilmemacherInnen handelt, die von ZuschauerInnen kaum wahrgenommen und rezipiert werden.

Interessanterweise werden deutsche Soldaten in den fiktionalen Filmen auch eher beim zivil-militärischen Aufbau von Schulen und Dörfern gezeigt. Über das Karfreitagsgefecht (bei dem u.a. drei deutsche Soldaten getötet wurden) oder die Operation Halmazag, bei der deutsche Soldaten 2010 eine Offensivaktion der afghanischen Armee unterstützten, ist in der breiten Öffentlichkeit nie wirklich diskutiert worden. Bislang gibt es hierüber auch keine Spielfilme (zumindest nicht, dass ich wüsste –  falls doch, bin ich für jeden Hinweis dankbar). Insofern sollte nicht nur darüber reflektiert werden, wer oder was in Filmen repräsentiert wird, sondern (und vielleicht wäre das viel wichtiger) worüber geschwiegen, was nicht gezeigt wird und welche Filme nicht gefördert werden. Vielleicht sollte im Rahmen solcher Analysen auch einmal genauer hinterfragt werden, in welchem Maße die Filme gesponsert und vonseiten der Bundeswehr unterstützt wurden (oder eben nicht, wie im Falle des NDR-Films über den Luftangriff von Kundus »Eine mörderische Entscheidung«).

Ich hätte angesichts des Titels des Beitrages von Göler/Zech und des eigentlichen Erkenntnisinteresses eher erwartet, dass die Autoren sich der Fülle dokumentarischen Materials annehmen, das bspw. von SoldatInnen selbst produziert und in Dokumentationen über den Afghanistaneinsatz verwendet, auf Webseiten erscheint oder auf YouTube hochgeladen wurde, um strategische Kultur aus der Grunt’s-eye-Perspektive (van Munster 2015) zu untersuchen (Shim und Stengel 2017). In der ZDF-Dokumentation »Unser Krieg« werden bspw. die Bodycam-Bilder des Fallschirmjägers Johannes Clair gezeigt, die während der Operation Halmazag entstanden sind. Ferner wären etwa die autobiografischen Aufzeichnungen von Clair relevant, die in Buchform unter dem Titel »Vier Tage im November: Mein Kampfeinsatz in Afghanistan« erschienen sind – ein Hinweis darauf, dass zur (Populär-)Kultur natürlich mehr zählt als nur Filme. Auch die Nicht-Berücksichtigung von semi-dokumentarischen Filmen und Dokudramen (Heck 2017) ist überraschend knapp begründet und vermochte mich keineswegs zu überzeugen. Im Falle des Luftangriffs von Kundus ist die Frage nach der Wechselwirkung von strategischer Kultur und Einsatzhandeln von immenser Bedeutung. Dass dieser Vorfall (bei dem mutmaßlich über 140 Menschen ums Leben gekommen sind) im Beitrag von Göler/Zech nur am Rande mit Blick auf die öffentliche Nicht-Akzeptanz fremder Opfer erwähnt wird, zeigt, dass durch die Fokussierung auf fiktionale Hochglanzfilme die Gefahr besteht, hinter der filmisch inszenierten Realitätsfiktion die Realität des Einsatzes sowie die realweltlichen Bedingungen und Konsequenzen militärischen Handelns etwas aus dem Blick zu verlieren (siehe hierzu auch die Kritik von Daase/Deitelhoff im zib-Editorial 2/2016).

Insofern würde ich aus dem Artikel die Erkenntnis für die weitere Entwicklung der Filmpolitologie ziehen, dass wir deutlich stärker über die Spezifika der verschiedenen Filmgenres (fiktional/non-fiktional) sowie die Produktionsbedingungen der analysierten »Daten« nachdenken sollten und darüber, welche Filme für welche Fragestellungen mehr oder weniger »einsatzfähig« sind. Auch wenn der Artikel von Göler/Zech hinsichtlich der Weiterentwicklung der Debatte einen äußerst wertvollen Beitrag leistet, über den ich mich trotz meiner Kritik überaus freue, wird deutlich, dass wir mit unseren Überlegungen zu einer Filmpolitologie, die einen solchen Namen auch verdient, erst am Anfang stehen. Ich hoffe, durch meine Replik in Blogformat weitere Denkanstöße zu liefern, damit die Debatte fortgesetzt wird.

 

Literaturverzeichnis

Heck, Axel (2017): Analyzing Docudramas in International Relations: Narratives in the Film „A Murderous Decision“. In: International Studies Perspectives. DOI: 10.1093/isp/ekw012.

Heck, Axel; Schlag, Gabi (2015): And… Cut! In: ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen 22 (2), S. 125–148.

Shim, David; Stengel, Frank A. (2017): Social media, gender and the mediatization of war: exploring the German armed forces’ visual representation of the Afghanistan operation on Facebook. In: Global Discourse 7 (2-3), S. 330–347. DOI: 10.1080/23269995.2017.1337982.

van Munster, Rens (2015): Inside war. In: Rens van Munster und Casper Sylvest (Hg.): Documenting World Politics. A Critical Companion to IR and Non-Fiction Film. London, New York: Routledge (Popular Culture and World Politics), S. 114–132.

 

[1] »Auslandseinsatz – Zwischen allen Fronten«, Regie: Till Endemann, Drehbuch: Holger Karsten Schmidt, Produzentin: Heike Wiehle-Timm, Deutschland 2012.

[2] »Zwischen Welten«, Regie und Drehbuch: Feo Aladag, Produzentin: Feo Aladag, Deutschland 2014.

[3] Aufschlussreich sind etwa bei »Auslandseinsatz« die Interviews mit dem Filmteam. Der Regisseur Till Endemann formuliert hier explizit einen aufklärerischen Anspruch. Die ausführende Produzentin und Co-Autorin Nikola Bock stellt den Film sogar die in die Tradition des Anti-Kriegsfilms. Auch Feo Aladag hat sich in Interviews über ihren Film »Zwischen Welten« und die Dreharbeiten in Afghanistan geäußert, etwa in der FAZ.