von Steve Schlegel und Christoph Schuck

 

Mit dem Ende des Kalten Krieges begann nicht nur eine neue Ära in der internationalen Politik, auch in den Internationalen Beziehungen (IB) keimten eine Reihe neuer Ansätze auf. Heute, mehr als 25 Jahre nach dieser Entwicklung, haben sich einige dieser Ansätze, darunter etwa die Copenhagen School oder konstruktivistische (Meta-)Theorien, in dem Theoriediskurs der IB etabliert. Andere dagegen, wie die auch als Critical Security Studies (CSS) bezeichnete Welsh School, versanken weitgehend in der Bedeutungslosigkeit. Unser in der aktuellen zib veröffentlichter Beitrag sucht nach Gründen, die zum abnehmenden Stellenwert der CSS  innerhalb der IB geführt haben.

 

Zunächst muss hierzu die CSS im Theoriegebilde der IB verortet werden: Ihre Besonderheit besteht im Versuch, normative Aspekte wesentlich stärker als bisher im akademischen Sicherheitsdiskurs zu verankern. Auch wenn die CSS bisher dominierende Sicherheitstheorien sinnvoll erweiterte, blieb dies nicht frei von theoretischen (und später auch empirischen!) Widersprüchen, die wiederum eine Kernursache für den abnehmenden Stellenwert der CSS darstellen. Dieser Blog-Beitrag wird in drei Schritten vorgehen, nämlich zunächst die CSS definieren, dann ihre Besonderheiten erläutern und abschließend die theoretischen Inkonsistenzen (mit Blick auf die empirischen Probleme der CSS, s. Kap.3 im zib-Aufsatz) aufzeigen.

 

Merkmale der Welsh School

Zuerst muss allerdings auf eine häufig auftretende Begriffsverwirrung zwischen den critical security studies und den Critical Security Studies (CSS) hingewiesen werden: Während die critical security studies einen Oberbegriff für die drei Denkschulen der Welsh, Copenhagen und Paris School bilden, handelt es sich bei den CSS um ein Synonym für die Welsh School, das aus deren Ableitung aus der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule erwuchs. Aus einer epistemologischen Perspektive wird ein szientistisches Methodenverständnis insbesondere mit Blick auf quantitative Analysemodelle zugunsten hermeneutischer, primär um Verständnis (statt Erklärung) bemühter Ansätze zurückgewiesen. Entsprechend schlägt Booth folgende Definition für die CSS vor:

»[CSS] is an issue-area study […] concerned with the pursuit of critical knowledge about security in world politics. Security is conceived comprehensively, embracing theories and practices at multiple levels of society […]. ›Critical‹ implies a perspective that seeks to stand outside prevailing structures, processes, ideologies, and orthodoxies while recognizing that all conceptualizations of security derive from particular political/theoretical positions« (Booth 2005: 15-16).

Inhaltlich unterscheidet sich die CSS aufgrund ihrer Anbindung an die Kritische Theorie durch fünf wesentliche Punkte von anderen Strömungen: (1) Die Eigendynamik des akademischen Betriebs; (2) die Forderung nach einer holistischen Perspektive; (3) die Kritik an empirisch ausgerichteter Forschung und die damit verbundene (4) Ablehnung von praktischen Versuchen einer Problemlösung sowie (5) die Forderung, emanzipatorische Bewegungen zu unterstützen. Alle fünf Punkte bedürfen einer näheren Betrachtung:

Erstens gibt es Parallelen der CSS zur frühen Kritischen Theorie mit Blick auf die Eigendynamik des akademischen Betriebs: Cox greift dabei Horkheimers Argument auf, dass traditionelle AkademikerInnen bestehende Systeme nicht kritisieren können, da sie selbst deren Eigenlogik unterlägen (vgl. Horkheimer [1937] 1968: 145) und stellt daher fest: »[…] theory is always for someone and for some purpose« (Cox 1981: 128). Booth (1997: 86) und Stamnes/Wyn Jones haben dies wiederum auf Sicherheitsstrukturen projiziert und identifizieren eine

»[…] symbiotic nature of the relationship between security specialists in academia and defence establishments in government and industry […]; each element had vested interest in promoting a militarised conception of rela-tions between states« (Stamnes/Wyn Jones 2000: 38).

Ein solches System perpetuiere sich wiederum selbst, da politische EntscheiderInnen nicht nur an akademischer Expertise interessiert sind, die sie nach eigenen impliziten Werturteilen auswählen, sondern auch über die Vergabe von Geldern Einfluss auf die scientific community nehmen (vgl. Ferguson/Mansbach 1989: 84; ähnlich: Marcuse 1968: 59, 60).

Zweitens geht die CSS ähnlich wie die Frankfurter Schule davon aus, dass durch genau diese Eigendynamik die Perspektive der/des Forschenden verengt wird. So überrasche es mit Blick auf die traditionellen security studies nicht, dass außerhalb der militärischen Dimension von Sicherheit liegende Sachverhalte nicht ausreichende Berücksichtigung fänden, weshalb Booth (1991: 317) ein holistisches, d.h. deutlich über die militärische Dimension hinausgehendes, Sicherheitskonzept fordert. Auch dieser Zugang zur Analyse wurde bereits in der Frankfurter Schule angelegt, deren erklärtes Ziel es war, die »Totalität« der Gesellschaft zu erfassen (vgl. Adorno 1978: 126).

Drittens wurde die CSS auch methodisch von der Kritischen Theorie inspiriert; ganz besonders mit Blick auf den Skeptizismus gegenüber empirischen Studien und deren Ansinnen, Werturteilsfreiheit zu gewährleisten. Aufgrund der Einbettung der/des Forschenden in die Gesellschaft sei, eine werturteilsfreie Forschung per se unmöglich. Deshalb werden insbesondere solche empirische Studien abgelehnt, die sich einer szientistischen Methodik bedienen (vgl. Booth 2007: 45), während dagegen interpretative Methoden in einigen eigenen Studien angewandt werden.

Viertens ist eine deutliche Ablehnung der CSS gegenüber wissenschaftlichen Lösungsansätzen für Probleme der Praxis ersichtlich (vgl. Booth 2007: 47). Auch dies wird wieder mit der Einbettung der Wissenschaft in die Gesellschaft begründet, wodurch jede ausschließlich auf Problemlösung ausgelegte Forschung im besten Fall zu einem reinen Methodenfetischismus verkomme (vgl. Adorno 1978: 129-130), im schlimmsten Fall dagegen den gesellschaftlichen Status quo stabilisiere, ohne ihn dabei kritisch zu hinterfragen.

Fünftens besteht sowohl bei den CSS als auch der Kritischen Theorie ein ausgeprägter Fokus auf den Begriff der Emanzipation. Booth betont in diesem Zusammenhang gerade auch mit Blick auf Sicherheitsfragen das Primat der Emanzipation gegenüber der realistischen Prämisse Macht. Er schreibt: »Security and emancipation are two sides of the same coin. Emancipation, not power or order, produces true security« (Booth 1991: 319).

Hierbei ist beachtenswert, dass VertreterInnen der CSS den Fokus nicht nur auf die Erforschung von emanzipativen Bewegungen legen, sondern explizit auch eine praktische Unterstützung emanzipativer Bewegungen durch WissenschaftlerInnen fordern.

 

Theoretische Inkonsistenzen der Welsh School

Vergleicht man nun diese Eigenschaften der CSS mit denen anderer Denkschulen, so lassen sich zwei Probleme identifizieren, die den abnehmenden Stellenwert der CSS erklären: Zum einen weisen sie, von den Bezügen auf die frühe Frankfurter Schule einmal abgesehen, kaum Alleinstellungsmerkmale auf – insbesondere die Kritik an der Staatsfokussiertheit und der szientistischen Methodik früherer Ansätze teilt sie mit zahlreichen anderen Denkschulen. Zum anderen entstehen durch den verwendeten Emanzipationsbegriff epistemologische Probleme, die im Folgenden kurz umrissen werden.

Booth selbst definiert Emanzipation folgendermaßen: »As a discourse of politics, emancipation seeks the securing of people from those oppressions that stop them carrying out what they would freely choose to do, compatible with the freedom of others. It provides a three-fold framework for politics: a philosophical anchorage for knowledge, a theory of progress for society, and a practice of resistance against oppression. Emancipation is the philosophy, theory, and politics of inventing humanity« (Booth 2007: 112).

Zunächst fällt auf, dass die von Booth vorgeschlagene Erfassung von Emanzipation so vage gehalten ist, dass eine Operationalisierung des Begriffs nicht möglich ist. Dies wird dann zu einem Problem, wenn, wie von den CSS postuliert, Emanzipation als etwas normativ Erstrebenswertes veranschlagt wird. So unterscheidet Booth (2007: 113) etwa zwischen wahrer (»true«) und falscher (»false«) Emanzipation, wobei letztere in verschiedenen Erscheinungen auftreten könne:

»Any conception that understands emancipation as timeless or static […] undertakes emancipatory politics at the expense of others […] or uses emancipation as a cloak for the powers of ›the West‹ or any other entity claiming monopoly of wisdom« (Booth 2007: 113).

Hier stellt sich die Frage wer entscheidet, wann es sich um wahre und wann es sich um falsche Emanzipation handelt. Diese Kritik wiegt deshalb schwer, weil die CSS selbst vehement die Auffassung vertreten hat, SozialwissenschaftlerInnen liefen als Teil des gesellschaftlichen Systems stets Gefahr, paradigmengeleitet zu handeln und dadurch zum Spielball der Interessen der politisch Entscheidenden zu werden. Somit kann eines der wenigen Alleinstellungsmerkmale der CSS gegen sie selbst angeführt werden: Auch die VertreterInnen der CSS sind Teil der Gesellschaft, und können daher ihre eigenen Werturteile nicht ausblenden – ja, sie versuchen es nicht einmal. Wenn dann eine operationalisierbare Erfassung der eigenen als zentral veranschlagten Begrifflichkeiten ausbleibt, ist die Gefahr evident, dass ein confirmatory bias entsteht, das heißt, dass vorwiegend Daten in Betracht gezogen werden, die die eigene a priori Vermutung stützen, während potenziell widersprüchliche Sachverhalte ausgeblendet werden (vgl. Kern et al. 1983: 142-143; MacCoun 1998: 269). Wenn also ein emanzipatorisches Ereignis (von Menschenrechtsreformen einer Regierung bis hin zu Revolutionen) zur Sicherheit beiträgt, handelt es sich um wahre Emanzipation; ist dies nicht der Fall, liegt eine Form der falschen Emanzipation vor. Beide Befunde erweisen sich somit als (vermeintliche) Bestätigung des Emanzipationskonzepts der CSS.

Es ist hinsichtlich der Bezugnahme der CSS auf die frühe Frankfurter Schule zumindest stimmig, dass sie dieses Problem übernommen hat – hier sei als Beispiel nur auf das empirisch nicht untermauerte Postulat von Horkheimer und Adorno verwiesen, bei der unterdrückten Arbeiterklasse des 20. Jahrhunderts habe es sich um »fügsame Proletarier« und degenerierte »Lurche« gehandelt, die unfähig gewesen seien, ihre eigene Unterdrückung wahrzunehmen (vgl. Horkheimer/Adorno [1969] 2008: 43). Hätte man versucht, den Sachverhalt empirisch zu prüfen, wäre auf Basis dieser Ausgangslage eine Tautologie die Konsequenz: Bestätigt der befragte Proletarier seine Unterdrückung, ist die These zutreffend; bestreitet er sie, ist sie es auch, denn dann nimmt der fügsame Proletarier, gleich dem Lurch, seine Unterdrückung schlichtweg nicht wahr.

Gerade dieses Problem der beliebigen Auslegbarkeit ihrer Evidenzen hat die CSS/Welsh School, trotz interner Versuche der Weiterentwicklung, in den letzten 25 Jahren nicht lösen können. Kombiniert mit ihrem geringen Innovationspotential erklärt dies wiederum ihren abnehmenden Stellenwert in den Theoriedebatten der IB.

 

Literatur:

Adorno, Theodor W. 1978: Zur Logik der Sozialwissenschaften, in: Adorno, Theodor W./Dahrendorf, Ralf/Pilot, Harald/Albert, Hans/Habermas, Jürgen/Popper, Karl R. (Hrsg.):

Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, 6. Auflage, Darmstadt, 125-144.

Booth, Ken 1991: Security and Emancipation, in: Review of International Studies 17: 4, 313-326.

Booth, Ken 1997: Security and Self. Reflections of a Fallen Realist, in: Krause, Keith/Williams, Michael C. (Hrsg.): Critical Security Studies. Concepts and Strategies, London, 83-121.

Booth, Ken (Hrsg.) 2005: Critical Security Studies and World Politics, Boulder, CO.

Booth, Ken 2007: Theory of World Security, Cambridge.

Cox, Robert W. 1981: Social Forces, States and World Orders. Beyond International Relations Theory, in: Millennium 10: 2, 126-155.

Ferguson, Yale H./Mansbach, Richard W. 1989: The State, Conceptual Chaos, and the Future of International Relations Theory, Boulder, CO.

Horkheimer, Max [1937] 1968: Traditionelle und kritische Theorie, in: Schmidt, Alfred (Hrsg.): Max Horkheimer. Kritische Theorie. Eine Dokumentation, Frankfurt a. M.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. [1969] 2008: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M.

Kern, Leslie H./Mirels, Herbert L./Hinshaw, Virgil G. 1983: Scientistsʼ Understanding of Propositional Logic. An Experimental Investigation, in: Social Studies of Science 13: 1, 131-146.

MacCoun, Robert J. 1998: Biases in the Interpretation and Use of Research Results, in: Annual Review of Psychology 49: 1, 259-287.

Marcuse, Herbert 1968: Psychoanalyse und Politik, 4. Auflage, Frankfurt a. M.

Stamnes, Eli/Wyn Jones, Richard 2000: Burundi. A Critical Security Perspective, in: Peace and Conflict Studies 7: 2, 37-56.