Ernst-Otto Czempiel hat die deutschen IB wie kaum ein anderer geprägt. Am 11. Februar 2017 ist er in Berlin verstorben. Lesen Sie hier den Nachruf von Harald Müller.

 

Prof. Dr. Ernst-Otto Czempiel hat die deutschen Internationalen Beziehungen seit ihren Anfängen wie kaum ein anderer Wissenschaftler geprägt. Zusammen mit Helga Haftendorn und Volker Rittberger zählt er zu den schulbildenden Figuren unserer Disziplin; neun seiner Schülerinnen und Schüler sind Hochschullehrer/in geworden. In seinem akademischen wie in seinem wissenschaftspolitischen Schaffen hat er bleibende Spuren hinterlassen. Sein Schlüsselwerk »Internationale Politik« (1981) ist ein systematischer Gegenentwurf zu Waltz’ »Theory of International Politics«.

Czempiel übernahm immer wieder wichtige Funktionen in der Wissenschaftspolitik. Er war Mitgründer der Sektion Internationale Beziehungen der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) und 1966 bis 1969 deren Vorsitzender. 1967 bis 1971 und 1992 bis 1994 (also nach seiner Emeritierung) wirkte er im Vorstand der DVPW. Für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) war er als Fachgutachter (1972-1980) und Mitglied des Heisenbergausschusses (1980-1985) tätig. 1974 bis 1976 prägte er als Vorsitzender die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK).

Am 22. Mai 1927 wurde er in eine katholisch-bildungsbürgerliche Berliner Familie hineingeboren, die sich den ideologischen Denkzwängen der Nazizeit nie anbequemte. Die frühen Erfahrungen in Diktatur und Krieg bildeten den prägenden Rahmen seines Denkens. Demokratie, Antipode der Diktatur, war die unhinterfragbare normative Grundlage jeglicher vernünftigen und menschenfreundlichen Politik. Der Frieden wiederum, verstanden als kontinuierlicher Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit, war das normative Ziel jeglicher vernunftgeleiteten und menschenfreundlichen Außenpolitik. Die Wissenschaft hatte zur Aufgabe, sowohl Demokratie als auch Frieden zu fördern, stets mit dem unbestechlichen Blick auf die Gegebenheiten und Lehren der Empirie.

Dieses Wissenschaftsbild setzte Czempiel nach der Promotion in Mainz (1956) in den drei Stationen seines wissenschaftlichen Berufslebens um. Er wurde an der Technischen Hochschule (heute Technische Universität) Darmstadt zunächst Assistent am Lehrstuhl Eugen Kogons, nach der Habilitation Privatdozent (1956-1965). Es folgte die Professur an der Philipps-Universität Marburg (1966-1970). 1970 wechselte er an die Goethe-Universität Frankfurt (1970-1992). Seine Frankfurter Tätigkeit schloss die Leitung einer Forschungsgruppe an der von ihm 1970 mitbegründeten Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) ein. Nach seiner Emeritierung 1992 übernahm er bis 1995 deren Gesamtleitung. Der HSFK blieb er bis 2008 verbunden, als ihn gesundheitliche Gründe zum Rückzug zwangen.

Die Verbindung zwischen Demokratie und Frieden dachte er im Sinne der monadischen Interpretation von Kants »Ewigem Frieden«: Die Interessen der Bürger, ihre normativen Orientierungen und ihre innenpolitisch eingeübte Präferenz für die gewaltfreien Formen des Konfliktmanagements würden eine wirksame Barriere für etwaige militärische Ambitionen der Exekutive bilden. Die Transmissionsriemen demokratischer Entscheidungsprozesse würden diese Präferenzen in Politik übersetzen (»Schwerpunkte und Ziele der Friedensforschung«, 1972). Den »Doppelbefund« der empirischen Forschung zum demokratischen Frieden – die größere Friedlichkeit der Demokratien untereinander, aber nicht gegenüber Nichtdemokratien – erklärte er mit den Abweichungen existierender Demokratien vom demokratischen Idealtyp. Erstens beeinträchtige der disproportionale Einfluss ökonomischer und organisatorischer Sonderinteressen das reibungslose Funktionieren demokratischer Entscheidungsprozesse. Zweitens führe die mangelnde Qualität der politischen Führungseliten (kurzfristiges Denken; ideologische Voreingenommenheit; Feindbilder) zu konfrontativen und riskanten politischen Aktionen. Drittens sei gerade die Außen- und Sicherheitspolitik geprägt von vordemokratischen, arkanen und elitären Strukturen, welche die Verbindung zwischen Bürgerwillen und politischer Entscheidung schwächten (»Amerikanische Außenpolitik«, 1978;  »Machtprobe«, 1989).

Von Kant gleichfalls beeinflusst ist Czempiels Perspektive auf internationale Organisationen. Er sieht sie zum einen als unvermeidliche Voraussetzung, im Zeitalter der Interdependenz, das heißt der »anachronistischen Souveränität« (Sammelband, 1968) die Bürgerinteressen zu realisieren. Zum anderen bieten internationale Organisationen – namentlich die Vereinten Nationen (UNO) – die institutionelle Chance zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung (»Reform der UNO«, 1994). Mit der Berücksichtigung der Innenpolitik für das Verständnis der Außenpolitik und der Würdigung der Rolle internationaler Organisationen hat Czempiel die Grenzen des »realistischen« Außenpolitikverständnisses durchbrochen.

Hinzu kam sein Interesse an transnationalen Beziehungen, zunächst der Wirtschaft, dann auch anderer gesellschaftlicher Gruppen. Während die Zusammenschau dieser Tendenzen ihn bewog, die Möglichkeit einer zumindest partiellen »Governance without Government« einzuräumen (Titel des vielzitierten, gemeinsam mit James Rosenau herausgegebenen Bandes von 1992), diagnostizierte er keineswegs einen fundamentalen Funktionsverlust des Staates. Er vermied den Begriff der »Weltgesellschaft«, prägte stattdessen den Begriff der »Gesellschaftswelt«, die neben der Staatenwelt und der Wirtschaftswelt wächst, aber eben auch nicht ohne diese funktionieren kann. »Weltgesellschaft« klang ihm zu homogen. Sein eigenes Modell des »gebrochenen, asymmetrischen Gitters« reflektierte hingegen die bedeutenden Differenzen in der Interdependenzdichte, den Institutionalisierungsgraden, des Austausches usw. zwischen und innerhalb von Weltregionen.

Die Möglichkeit des Staatenkrieges blieb seine größte Sorge. Dem Ziel, ihn zu verhindern, widmete er seine praxeologischen Werke, »Friedensstrategien« (1986, 1998) und »Kluge Macht« (1999). Letzteres ist ein moderner Fürstenspiegel, der Staatsführern der Gegenwart u. a. empfiehlt, in die eigenen Interessen stets diejenigen der Partner und potentiellen Rivalen einzupreisen, die Instrumente »weicher Macht« über jene harter Machtbehauptung zu stellen und die wechselseitige Wohlstandsmehrung anzustreben. Die Weisheit dieser Maximen zeigt sich an dem Kontrast zu den ersten Emanationen von Präsident Trumps »America First«.

Ernst-Otto Czempiel hat durch die theoretische und empirische Durchdringung des Verhältnisses von Innen- und Außenpolitik, durch die Analyse der friedensfördernden Wirkung internationaler Organisationen und durch die Diagnose des Strukturwandels der Weltpolitik wegweisende und prägende Beiträge für die Disziplin Internationale Politik und die Friedensforschung geleistet.

Czempiel war Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und des Hessischen Verdienstordens.

Am 11. Februar 2017 ist Ernst-Otto Czempiel in Berlin verstorben.

 

von Harald Müller