Liebe Leserinnen und -Leser,

im Editorial des neuen zib-Heftes begeben sich die Herausgeber*innen „auf die Suche nach den verlorenen Internationalen Beziehungen – in äußerst verknappter Form“.

Während aus den Ergebnissen der TRIP-Umfrage Alexander Wendt als international einflussreichster IBler hervorgeht, begeben sich die anderen Forumsbeiträge auf die Suche nach dem „Quäntchen IB“ in dessen Buch „Quantum Mind and Social Science: Unifying Physical and Social Ontology“.

Zu diesem Anlass können Sie hier pünktlich zur Online-Publikation der zib 2/2016 kommende Woche einen Beitrag von Alexander Wendt selbst lesen, in dem er sich zu der Frage äußert, „why IR scholars should care about Quantum Social Science“.

Sie dürfen also gespannt sein.

Viel Spaß beim Lesen des Editorials,

die zib-Redaktion

 

 

Editorial zur zib 2/2016:

Auf der Suche nach den verlorenen Internationalen Beziehungen – in äußerst verknappter Form

von Christopher Daase und Nicole Deitelhoff

 

Auf der letzten Jahrestagung der International Studies Association (ISA) in Atlanta 2016 fand ein außerordentlich gut besuchter Roundtable zum neuen Buch von Alexander Wendt statt: »Quantum Mind and Social Science« (Wendt 2015). Einmal mehr wurden dabei die Grenzen der Internationalen Beziehungen (IB) getestet, was bei einem Autor, der sich nach seinen bahnbrechenden Aufsätzen zum Konstruktivismus mit der Zwangsläufigkeit eines Weltstaates und der Wahrscheinlichkeit von Aliens auseinandergesetzt hat, kaum verwundern mag. Wendts Rückgriff auf die Quantenphysik stellt nicht nur unsere Vorstellungen von internationaler Politik, sondern grundsätzlicher die herkömmlichen Denkgewohnheiten über das Soziale in Frage. Ob diese Überlegungen, irgendwo auf der dünnen Linie zwischen Genie und Wahnsinn, noch einen Erkenntnisgewinn für die Internationalen Beziehungen haben, ob unser Verständnis dessen, was in der Welt vor sich geht und die Menschen bewegt, durch sie geschärft oder verändert wird, diskutieren die Beiträge unseres zib-Forums auf den Seiten 173 bis 221.

Im Grunde radikalisiert Wendt in seinem Buch seine frühen Gedanken zum Verhältnis von Agent und Struktur und zur Anarchieproblematik, und er tut dies um den Preis »normalwissenschaftlicher« Anknüpfbarkeit und mit dem großen Gestus gegen den Mainstream. Es ist dieser Gestus, der sein Argument etwas schal wirken lässt, zumal er zahlreiche ebenso gegen den Mainstream gerichtete Theorieansätze weder zur Kenntnis nimmt noch erwähnt. Aber dieses Vorgehen hat Methode in den IB. Der Gestus gegen den Mainstream ist inzwischen so sehr zum Allgemeinplatz geworden, dass dahinter das, was den Mainstream ausmachen könnte, verschwunden ist. Wer macht denn noch »positivistische IB«, in der dritten Debatte als Mainstream perhorresziert, gegen den sich die postpositivistischen Ansätze absetzten? Wer macht denn noch anspruchsvolle, das heißt theoretisch reflektierte und methodisch ausgewiesene Analysen über Ursachen und Wirkungen von politischen Handlungen oder institutionellen Effekten? Wer wagt denn überhaupt noch das Wort »Ursache« in den Mund zu nehmen? Und wer arbeitet denn noch über so klassische Gegenstände wie die Außenpolitik von Staaten, Konfliktformationen oder Krieg und Frieden, Entwicklung und Armut, ohne dem Thema einen postmodernen Twist zu geben, der nicht selten darin besteht, sich dem eigentlichen Phänomen über ein abgeleitetes zu nähern, oder das abgeleitete als vermeintlich eigentliches Phänomen zu apostrophieren? Ist die Sprache der Politik nicht eigentlicher als die Politik, sind die medialen Bilder internationaler Ereignisse nicht empirischer als das, was sie vorgeben darzustellen?

Längst ist das, was von mehr oder weniger radikalen Konstruktivistinnen und Konstruktivisten, kritischen Theoretikerinnen und Theoretikern sowie postkolonialen, pragmatistischen und anderweitig postmodernen Analysen als Mainstream bezeichnet wird, zu einer Minderheit, einem tributary stream geworden, der zumindest in Deutschland zunehmend in Erklärungsnot gerät, wenn er sich tatsächlich mit Politik und nicht mit Diskursen, Sprache, Filmen und ähnlich ephemeren Phänomenen beschäftigt. Kein Zweifel, Diskurse, Sprache, Filme und andere Artefakte sind Teil von Politik, aber geht nicht in der analytischen Zersplitterung des Gegenstands auch das verloren, was die Disziplin zusammenhält? Uns ist diese Zersplitterung aufgefallen, als wir unlängst für ein eher praktisch orientiertes Publikum eine Präsentation darüber erstellten, was die Disziplin Internationale Beziehungen eigentlich an Erkenntnissen über die internationale Politik vorzuweisen hat. Wir waren selbst erschrocken, wie wenig wir bei der Beantwortung auf die jüngsten Forschungsergebnisse zurückgreifen konnten und wie weit wir in die Geschichte unseres Faches zurückgehen mussten, um tragfähige Konzepte präsentieren und nachvollziehbare Aussagen treffen zu können.

Stimmt es also noch, dass die Internationalen Beziehungen primär Erkenntnisse über die Welt der internationalen Beziehungen gewinnen wollen? Und wenn das so ist: Gibt es noch einen Grundkonsens, wie diese Welt beschaffen ist oder auch nur, wo sie sich befindet? Oder entspringen solche Fragen einfach nur einer Nostalgie, die sich mit zunehmendem Alter einstellt, in der zweifelhaften Erinnerung, dass früher alles besser war?

Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man den Beitrag zur Teaching, Research, and International Policy (TRIP)-Umfrage von Thomas Risse und Wiebke Wemheuer-Vogelaar in diesem Heft studiert, der allerdings ob seiner Aussagekraft bei den Gutachterinnen und Gutachtern und in der Redaktion durchaus umstritten war. Folgt man den Ergebnissen der Auswertung dieser Umfrage zur Situation der Internationalen Beziehungen in Deutschland, so gibt es nach wie vor einen klar dominierenden Mainstream institutionalistisch arbeitender Kolleginnen und Kollegen, die sich vorrangig für internationale Organisationen und global-governance-Fragen interessieren und methodisch vor allem qualitativ arbeiten. Diese Befunde bestätigen weitgehend, was in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder über die deutsche IB behauptet wurde, nämlich sie habe sich über die Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Debatte professionalisiert und durch die Anlehnung an den liberal-konstruktivistischen Ansatz sogar ein eigenes Profil gewonnen (vgl. Hellmann et al. 2003; Deitelhoff/Wolf 2009). Bedenklich sollte aber stimmen, dass die Umfrage einen überproportional hohen Rücklauf von wenigen starken IB-Standorten erhielt, nämlich aus Berlin, Bremen, München und Frankfurt am Main, in denen mehrheitlich Internationale-Organisationen- bzw. breiter Institutionenforscherinnen und ‑forscher Lehrstühle innehaben. Auch wenn diese Orte starke Zentren der IB in Deutschland sind, wäre es mehr als vermessen, sie mit den deutschen IB gleichzusetzen. Was ist mit Kiel, Hamburg, Duisburg, Magdeburg, Dresden oder Bamberg, um nur einige weitere IB-Standorte mit teils deutlich anderen Schwerpunkten zu nennen? Noch dazu lässt sich kaum ausschließen, dass wir es hier auch mit einer gehörigen Portion Selbstselektion zu tun haben, dass also vor allem Kolleginnen und Kollegen, die sich der Peergroup derjenigen zugehörig fühlen, die diese Studie für Deutschland durchgeführt haben, an der Umfrage teilgenommen haben, während andere der Umfrage eher ferngeblieben sind.

Wie dem auch sei, wer oder was die deutsche IB im Innersten zusammenhält, ob es noch einen Mainstream gibt und wenn ja, wer das ist – das vorliegende Heft bietet hinreichend Anlass, diese Fragen über alle epistemologischen, ontologischen oder methodologischen Grenzen hinweg zu diskutieren. Konsens sollte dabei weder das Ziel noch die Messlatte sein; zentraler ist es aus unserer Sicht, dass wir miteinander diskutieren und nicht nur übereinander oder uns komplett ignorieren.

 

Literatur

Deitelhoff, Nicole/Wolf, Klaus Dieter 2009: Der Widerspenstigen Selbst-Zähmung? Zur Professionalisierung der Internationalen Beziehungen in Deutschland, in: Politische Vierteljahresschrift 50: 3, 451-475.

Hellmann, Gunther/Wolf, Klaus Dieter/Zürn, Michael (Hrsg.) 2003: Die neuen Internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden.

Wendt, Alexander 2005: Quantum Mind and Social Science: Unifying Physical and Social Ontology, Cambridge, MA.