von Frank Sauer

Literatur-Wikis lassen sich einsetzen, um Studierende in der akademischen Lehre zum Lesen der Pflichtlektüre anzuhalten. Das Literatur-Wiki ist im weiteren Sinn ein Instrument aus dem Flipped- oder Inverted-Classroom-Modell, das darauf basiert, das Vorbereiten, Aufbereiten und »Lernen« von Wissensbeständen – in den IB in aller Regel Fachliteratur – aus dem Seminarraum heraus bzw. in die Zeit vor dem physischen Zusammentreffen im Seminarraum zu verlagern. Die Lehre in den IB weist dieses Grundmuster einer ausgelagerten Vorbereitungsphase und einer interaktiv- dialogisch genutzten Präsenzzeit sicherlich an vielen Stellen bereits heute auf. Mit dem Einsatz des Literatur-Wikis lässt sich dieses gängige Muster allerdings bereichern und intensivieren sowie als Leistungsnachweis strukturiert und transparent nutzen.

Ein »Wiki« (vom hawaiianischen Wort für »schnell«) ist ein System zum Lesen und Erstellen von Webseiten, das von mehreren Personen gleichzeitig genutzt wird. Der Zweck eines Wikis ist das gemeinschaftliche Sammeln und Dokumentieren von Informationen – das wohl bekannteste Beispiel für ein Wiki ist »Wikipedia«. Wikis sind gängiger Bestandteil von Online-Lernplattformen, wie sie von Universitäten genutzt werden.

Zur Vorbereitung auf die Nutzung eines Literatur-Wikis muss sich die/der DozentIn also mit der Nutzung der Online-Lernplattform ihrer/ seiner Universität vertraut machen (lassen) und eine Lerneinheit für das Seminar erstellen, die das Wiki enthält. Konkret bedeutet die Nutzung des Literatur-Wikis, dass jede/r Studierende im Vorfeld der Seminarsitzungen den Argumentationsgang eines oder mehrerer Texte aus der Pflichtlektüre online im Wiki zusammenfasst (bei Zeitschriftenartikeln bestimme ich dafür in der Regel einen Umfang von je ca. 750 Wörtern) und damit die Zusammenfassung dieses Texts gleichzeitig allen anderen SeminarteilnehmerInnen zur Verfügung stellt. Zwei oder mehr dieser Zusammenfassungen von KommilitonInnen kommentiert die/der Studierende darüber hinaus im Wiki (hier ist mein Vorschlag, den Umfang auf je ca. 400 Wörter zu begrenzen) und zwar unbedingt unter Bezugnahme (d. h. mit Verweis mit Seitenzahlen) auf andere Texte aus dem Korpus der Pflichtlektüre. Das Literatur-Wiki stellt auf diese Weise sicher, dass die Studierenden sich zumindest mit einem Teil der Pflichtlektüre intensiv befassen müssen, da sie diese Texte entweder selbst zusammenfassen oder die Zusammenfassungen ihrer KommilitonInnen kommentieren. Und für die übrigen, vielleicht dann doch nicht gelesenen Texte, stehen den Studierenden die Zusammenfassungen und Kommentare ihrer KommilitonInnen zur Verfügung.

Blockseminare eignen sich besonders für eine solch intensive, vorgeschaltete Vorbereitungsphase, die dann in der Diskussion während der Präsenzphase »gipfelt«. Gute Erfahrungen habe ich mit eher kleinen Gruppen (sechs bis zwölf Studierende) im Masterstudium gemacht. Die Erfahrung zeigt auch, dass die meisten Studierenden eventuell existierende Zurückhaltung in der Nutzung bisher unbekannter Online-Hilfsmittel schnell ablegen. Denn die Nutzung von Wikis ist intuitiv und leicht erlernbar. Die studentischen Einträge im Wiki – deren Qualität selbstverständlich im üblichen Maße variiert – kann die/der DozentIn als Leistungsnachweis in das Seminar einbauen, ihre Benotung also in die Endnote des Seminars einfließen lassen. Für die Studierenden bündelt das Wiki im Rahmen der Seminarvorbereitung Informationsund Kooperationsfunktionen. Sie kommen mit den Schriftprodukten ihrer KommilitonInnen in Kontakt (was leider sonst eher selten der Fall ist; s. a. Beitrag 4) und lernen auf diese Weise voneinander. Sie erzeugen außerdem gemeinschaftlich einen Wissensbestand (die Rekonstruktion von Argumenten und die auf Fachliteratur gestützte, kritische Auseinandersetzung mit diesen), auf den sie über das Seminar hinaus zurückgreifen können. Der wesentliche Vorteil ist aber, dass die gemeinsame Nutzung des Literatur-Wikis durch die intensive Vorbereitung zu einer deutlich intensiveren Beschäftigung mit den Texten während der Präsenzzeit im Seminarraum beiträgt. Die Studierenden fühlen sich – nach eigener Aussage »endlich mal« – wirklich gut vorbereitet, wodurch die Rekonstruktion von Argumenten aus den Texten im Seminar weniger Zeit in Anspruch nimmt und oft auf höherem Niveau stattfindet, sodass mehr Zeit und Energie für die inhaltliche Diskussion aufgewendet werden kann. Dass eine solche Seminardiskussion Studierenden und DozentInnen mehr Spaß macht, liegt auf der Hand.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Mini-Blogreihe zur „guten Lehre“ in den IB. Wie kann dieses Praxisbeispiel aus der Sicht der Didaktik gesehen werden? Lesen Sie den Didaktik-Kommentar und andere Praxis-Beispiele aus der IB-Lehre in der aktuellen zib!