von Eva Herschinger

Eine häufige Klage, gerade fortgeschrittener Studierender, zielt auf den Mangel an »Praxis« in ihrem Studium. Wollte man es zuspitzen, so lautet der Vorwurf, sie lernten nur Theorie, aber wie genau »die Praxis« aussehe, das erfahre man in den Lehrveranstaltungen kaum. In aller Regel ist mit »der Praxis« dabei eher die Tagespolitikgemeint – und nicht etwa die politikwissenschaftliche Praxis, um die es in einem politikwissenschaftlichen Studium doch zuallererst gehen sollte. Daher zielt das hier präsentierte Lehrmodell der »akademischen Konferenz« zuallererst auf die Praxis des Fachs, sprich auf die politikwissenschaftliche Forschung. Denn ähnlich wie sich Entscheidungsprozesse in internationalen Organisationen als Praxis simulieren lassen (vgl. dazu Beitrag 3 im zib-Artikel), lassen sich auch akademische Konferenzen als »Praxis« in das Studium integrieren.

Ich habe das Format regelmäßig für ein Masterseminar zum Thema »Terrorist, Freiheitskämpfer, Radikaler – Wo steht die zeitgenössische Terrorismusforschung?« verwendet. Die ersten sechs Sitzungen des Seminars werden dabei im wöchentlichen Rhythmus abgehalten, danach folgt mindestens vier Wochen später die »Konferenz« als Blockseminar. Diese Zeit dient den Studierenden dazu, ihre Konferenzpapiere zu verfassen, die wiederum eine Woche vor der Konferenz vorliegenmüssen, da alle studentischen Papiere die Pflichtlektüre für die Konferenzdarstellen. Daneben agiert jede/r als DiskutantIn, indem er/sie einen Kommentar zu einem ausgewählten Papier schreibt, und übernimmt in einem Panel die Rolle der Chairperson.

Mit Blick auf die Benotung habe ich mich aufgrund positiver Erfahrungen inzwischen für folgendes Modell entschieden: Jede/r Studierende erhält auf das vor der Konferenz abgegebene Papier eine Note. Wer damit nicht zufrieden ist, hat die Gelegenheit das Papier im Lichte des KommilitonInnen-Kommentars sowie meiner Anmerkungen zu überarbeiten. Denn nur so ist aus meiner Sicht gewährleistet, dass die Studierenden möglichst viel Erkenntnisgewinn hinsichtlich der »Praxis der Wissenschaft« aus dem Seminar mitnehmen. Aufgrund des verdichteten Studienplans an der Universität der Bundeswehr habe ich mich dagegen entschieden, die Überarbeitung verpflichtend zu machen – in einem weniger engen Studienplanwürde ich jedoch dafür plädieren, dies zu tun.

Die Diskussionsbeteiligung in diesem Format ist grundsätzlich sehr hoch – das ungewohnte Setting motiviert die Studierenden. Auch für den/die Lehrende/n ist das Format ideal, wenn das gleiche Seminar wiederholt angeboten wird: Jeder neue Jahrgang schreibt andere Arbeiten, hat andere Ideen und lässt so das Thema des Seminarsimmer wieder in einem anderen Licht erscheinen.

Aus didaktischer Sichthabe ich die Erfahrung gemacht, dass außerdem das studentische peer review für die Studierenden von großem Vorteil ist. Viele lesen zum ersten Mal Arbeiten von anderen Studierenden. Sie können in der Folge viel besser nachvollziehen, wie Notenzustande kommen. Daneben erlaubt das Format den Studierenden, umfassend ihre Reflexions-, Moderations- und vor allem auch Diskussionsfähigkeiten zu verbessern und auszubauen. Und was nicht unwichtig ist: Die Evaluationen legen eindeutig nahe, dass den Studierenden »Praxis« in Form »wissenschaftlicher Praxis« auch sehr viel Spaß macht – was für mich genauso gilt.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Mini-Blogreihe zur „guten Lehre“ in den IB. Wie kann dieses Praxisbeispiel aus der Sicht der Didaktik gesehen werden? Lesen Sie den Didaktik-Kommentar und andere Praxis-Beispiele aus der IB-Lehre in der aktuellen zib!