Wer als Flüchtling gilt, wird durch das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 festgelegt. Doch was bedeutet es, Flüchtling zu werden und Flüchtling zu sein? Welche Auswirkungen hat das Flüchtlingslabel? Grundsätzlich basiert das „Flüchtling-Werden“ auf einem bürokratischen Identifikationsprozess, durch das die als Flüchtlinge kategorisierten Personen in die Flüchtlingsgruppe gedrängt werden. Dies ist jedoch kein rechtsneutraler, sondern hoch politisierter Prozess, der eine soziale Ein-, Ab- und Ausgrenzung nach sich zieht. Unter dem Flüchtlingslabel werden die Personen als passive und homogene sowie schutz- und hilfsbedürftig Opfergruppe verstanden. In diesem Beitrag konzentriere ich mich auf die globale Labelkonstruktion, wobei ich mich in der aktuellen Ausgabe der zib zudem mit den Auswirkungen des Labels für Flüchtlinge auf lokaler Ebene auseinandersetze.

von Ulrike Krause

 

Das Label „Flüchtling“: Homogenisierung und Viktimisierung durch eine globale Labelkonstruktion

In der aktuellen politischen und medialen Diskussion über Flüchtlinge hören und lesen wir nicht selten von „Flüchtlingsströmen“, „-wellen“, „-fluten“ oder gar „-invasionen“, die auf Europa und Deutschland „schwappen“ zu scheinen. Hierbei werden Symboliken von Naturkatastrophen oder gar Metaphern von Kriegen und Militär genutzt, um Bedrohungsszenarien darzustellen, die vermeintlich durch Flüchtlinge für die europäische oder deutsche Gesellschaft hervorgerufen werden. Flüchtlinge werden so als Probleme innerstaatlicher Sicherheit dargestellt, wohingegen ihre menschliche Sicherheit, die im Mittelpunkt des völkerrechtlich verankerten Flüchtlingsschutzes steht, in den Hintergrund gerückt wird.

Dies ist jedoch weder ein Einzelfall noch eine Besonderheit, die sich ausschließlich auf die aktuellen Entwicklungen in Europa und Deutschland bezieht. Im internationalen wissenschaftlichen Diskurs der Zwangsmigrations- und Flüchtlingsforschung (Forced Migration and Refugee Studies) werden diese Zuschreibungen im Rahmen des Refugee Label bzw. Flüchtlingslabels diskutiert, das seit den 1990er Jahren zunehmende Aufmerksamkeit erfährt (vgl. Clark-Kazak 2014; Inhetveen 2006; Ludwig 2013; Pittaway/Pittaway 2004; Sigona 2003; Zetter 1991; 2007). Grundsätzlich dient Labeling einer Beschreibung von Personen(gruppen), Handlungen, Verhaltensmuster und soziale Phänomen, die von bestehenden Normen abweichen und somit als Abnormal gelten. Mit Bezug auf Flüchtlinge bedeutet das, dass sie im Asylland von der Norm, den Staatsangehörigen, abweichen.

In meinem Beitrag zum Flüchtlingslabel und seinen Implikationen in der aktuellen Ausgabe der zib gehe ich auf Prozesse des Labelings auf globaler und lokaler Ebene ein. Meine Untersuchung auf lokaler Ebene basiert auf einer empirischen Studie in einem Flüchtlingslager in Uganda und zeigt das kontrastive Verhältnis des Gelabelt-Werdens und Gelabelt-Seins von Flüchtlingen, also ihrer Fremdzuschreibung, Labelwahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Auf globaler Ebene analysiere ich nach Roger Zetter (2007: 173), wie das internationale Flüchtlingsregime ein Label konstruiert und auf Flüchtlinge oktroyiert, womit Identifikationsprozesse, Identitätsmerkmale sowie symbolische und metaphorische Bedeutungen einhergehen. Auf diesen letzten Aspekt konzentriere ich mich in diesem Blogbeitrag.

 

Flüchtlinge definieren und Zugehörigkeiten symbolisieren

Völkerrechtlich wird der Flüchtling[1] durch das Abkommen über die Rechtstellung der Flüchtlinge von 1951 (sog. Genfer Flüchtlingskonvention) und das Protokoll von 1967 definiert (UNGA 1951). Gemäß Artikel 1 (a, 2) des Abkommens ist ein Flüchtling eine Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“ in einem anderen als dem Herkunftsland nach Schutz sucht. So scheint klar geregelt, wer schutzbedürftig und demnach auch hilfsbedürftig ist. Hingegen ist es diese Schutz- bzw. Hilfsbedürftigkeit, die Grundlage des Flüchtlingslabels ist und wirkungsmächtige Folgen hat. Denn sie legitimiert rechtliche Andersstellungen, Viktimisierung und Objektivierung von Flüchtlingen.

Idealtypisch sind Flüchtlinge und Flüchtlingsrechte deklaratorisch und nicht konstitutiv, sodass Personen allein aufgrund der Verfolgungsgefahr diese Rechte haben und sie nicht erst qua Flüchtlingsanerkennung erhalten (sollen) (Markard 2012: 306). Hingegen entscheiden staatlich autorisierte Institutionen in Asylländern über Asylgesuche und erst durch positive Statusdeterminierung erhalten die Personen einen strukturellen Zugang zu spezifischen (Flüchtlings-)Rechten auf nationaler Ebene. Mit dem Flüchtling-Werden gehen also Identifikationsprozesse einher, die auf rechtlichen Regeln basieren und bürokratischen Strukturen folgen. Dies zieht jedoch soziale Ein-, Ab- und Ausgrenzungsprozesse nach sich, da eine verrechtlichte Andersstellung der Flüchtlinge gegenüber der Bevölkerung des Asyllandes und gegenüber anderen MigrantInnen und somit eine soziale Trennung zwischen Wir und Andere (die Fremden) besteht. Diese grundsätzlich bürokratischen Prozesse sind hoch politisiert, denn sie hängen mit politischen Rhetoriken und stereotypisierten Charakterzuschreibungen zusammen (Ludwig 2013: 15; Zetter 1991: 44).

Im Zuge des Flüchtling-Werdens findet eine Kategorisierung bzw. Gruppenzuteilung statt, sodass Flüchtlinge in die Flüchtlingsgruppe gedrängt werden. Vor allem bei weitreichenden Fluchtbewegungen im Globalen Süden, wo sich mit 86 Prozent weltweit die meisten Flüchtlinge befinden (UNHCR 2015: 2), werden diese Flüchtlingsgruppen im politischen und rechtspolitischen Diskurs des Globalen Nordens symbolisch als homogene Massen dargestellt (Turton 2003: 5, 7, 10) und metaphorisch mit Leid verbunden (Ludwig 2013: 12-16). Obwohl massenhafte Fluchtbewegungen bestehen und die Menschen mit vielfältigen Gefahren und Herausforderungen auf der Flucht und in Flüchtlingssituationen konfrontiert sind (Krause 2015), stellt diese Betrachtung homogenisierter Opfergruppen keine Beschreibungen realer Schutz- und Hilfsbedürftigkeiten, sondern ein Labeling dar. Denn Flüchtlinge werden losgelöst von individuellen Identitäten oder Interessen (Lubkemann 2008: 16) und ihren unterschiedlichen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründen (Turton 2003: 7) betrachtet. Sie scheinen vielmehr auf die bloße Existenz, das „nackte Leben“ reduziert (Agamben 1998). Liisa H. Malkki (1995) spitzt dies zu, indem sie die zugeschriebene Flüchtlingsidentität im humanitären Diskurs mit der Unmündigkeit von Kleinkindern vergleicht:

„An infant — a powerless being with no consciousness of history, traditions, culture, or nationality — embodies this elementary humanity” (Malkki 1995: 11).

Dabei entwickelt sich ein Flüchtling-Sein als neue Kategorie der sozialen Zugehörigkeit für die Personen: Flüchtlinge sind Flüchtlinge und gehören in die Gruppe der Flüchtlinge – oder nicht? Mit Blick auf Zugehörigkeitsfragen offenbart sich vielmehr ein Spannungsverhältnis zwischen einer sozialen „Zugehörigkeit (Identität, Gemeinschaft) und Nicht-Zugehörigkeit (Entwurzelung, Exil)“ im Asylland, in der Flüchtlinge „dehistorisiert und entpolitisiert“ gezeigt werden (Malkki 1995: 514). Und im Zuge fehlender Individualitäten und sozialer Zugehörigkeiten trägt das Flüchtlingslabel letztlich zur Unsichtbarkeit der Einzelpersonen und zu ihrer Objektivierung bei (Ludwig 2013: 7). Peter Nyers (2006) betont sogar, dass die Aberkennung von agency so weit ginge, dass Flüchtlinge historisch keine menschlichen Attribute mehr besäßen, sondern aufgrund fehlender politischer Kommunikation tierähnlich dargestellt würden (Nyers 2006: 102). Das Regime als übergeordnetes Regelungssystem muss also Sprache und Entscheidungen für sie übernehmen.

 

Quo Vadis?

Das Flüchtlingslabel ist im humanitären Flüchtlingsdiskurs eingebettet und hat einen starken Praxis- und Politikbezug (Bakewell 2008). Darin ist der Schutz der Personen zwar zentral, durch ihre vermeintliche Vulnerabilität werden sie aber als passive Opfer und homogene Kollektive betrachtet, womit restriktive Politiken und limitierende Strukturen etwa in Flüchtlingslagern wiederum legitimiert werden.

Doch wie wirkt sich dies auf die Einzelpersonen aus? In meinem Beitrag in der aktuellen zib nutze ich empirische Daten aus einer Fallstudie mit kongolesischen Flüchtlingen in Uganda, um zu zeigen, wie die Zuschreibungen in diskriminierende Behandlungen von Mitarbeitenden humanitärer Organisationen einfließen und wie sie das Wohlbefinden der Flüchtlinge beeinflussen. In aller Deutlichkeit veranschaulicht das nachstehende Zitat einer Frau, wie die Zuschreibungen zu einer grundsätzlichen Aberkennung von Identität führen:

It seems you don‘t have identity, you don’t belong. You are just there, like just something. Anytime they [the organizations] take decisions on you […], they will say get your property and leave. And you will go“ (Interview mit einem weiblichen Flüchtling, 27.3.2014, Base Camp, Kyaka II Refugee Settlement).

Die Fremdzuschreibungen wirken sich also enorm auf Flüchtlinge aus. Obgleich sich meine Forschung regional auf den Globalen Süden konzentriert, lassen sich Rückschlüsse für den Globalen Norden ziehen. Denn Flüchtlinge werden beispielsweise auch in Deutschland gelabelt und in Lagerkonstrukten, den Erstaufnahmeeinrichtungen, untergebracht, wo sie abhängig von humanitären Strukturen sind.

Wenn nun aber der Blick weg vom Flüchtlingsregime mit den Zuschreibungen hin zu den Individuen gelenkt wird, die lediglich den rechtlichen Flüchtlingsstatus haben, dann offenbart sich rasch, wie stark sich ihre vielfältigen Aktivitäten und Individualitäten von den Zuschreibungen der Passivität und Homogenität unterscheiden. Flüchtlinge stellen weder homogene, noch passive Kollektive dar, sondern sie sind Menschen mit agency, vielfältigen Wünschen, diversen Erfahrungen und Kompetenzen. Sie betonen ihre Rechtsansprüche und engagieren sich in kreativer Weise für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Im politischen, rechtspolitischen und humanitären Diskurs bleiben ihre Individualitäten und Aktivitäten allerdings häufig unbeachtet und unsichtbar

 

Literatur

Agamben, Giorgio (1998), Homo Sacer: Sovereign Power and Bare Life, trans. Daniel Heller-Roazen (Stanford: Stanford University Press).

Bakewell, Oliver (2008), ‚Research Beyond the Categories: The Importance of Policy Irrelevant Research into Forced Migration‘, Journal of Refugee Studies, 21 (4), 432-53.

Clark-Kazak, Christina R. (2014), ‚“A Refugee IsSomeone who Refused to Be Oppressed”: Self-Survival Strategies of Congolese Young People in Uganda‘, Stability: International Journal of Security and Development, 3 (1), Art. 13.

Edwards, Alice 2003: Age and Gender Dimensions in International Refugee Law, in: Feller, Erika/Türk, Volker/Nicholson, Frances (Hrsg.): Refugee Protection in International Law. UNHCRs Global Consultations on International Protection, Cambridge, 46-80.

Inhetveen, Katharina (2006), ‚“Because we are refugees“: utilizing a legal label‘, New Issues in Refugee Research (130; Geneva: UNHCR).

Krause, Ulrike (2015), ‚A Continuum of Violence? Linking Sexual and Gender-based Violence during Conflict, Flight, and Encampment‘, Refugee Survey Quarterly, 34 (4), 1-19.

Lubkemann, Stephen C. (2008), Culture in Chaos. An Anthropology of the Social Condition in War (Chicago: University of Chicago Press).

Ludwig, Bernadette (2013), ‚“Wiping the Refugee Dust from My Feet”: Advantages and Burdens of Refugee Status and the Refugee Label‘, International Migration, 54 (1), 5-18.

Malkki, Liisa H. (1995), Purity and Exile: Violence, Memory, and National Cosmology among Hutu Refugees in Tanzania (Chicago, London: The University of Chicago Press).

Markard, Nora (2007), Fortschritte im Flüchtlingsrecht? Gender Guidelines und geschlechtsspezifische Verfolgung, in: Kritische Justiz: Vierteljahresschrift für Recht und Politik 40: 4, 373-390.

— (2012), Kriegsflüchtlinge. Gewalt gegen Zivilpersonen in bewaffneten Konflikten als Herausforderung für das Flüchtlingsrecht und den subsidiären Schutz (Tübingen: Mohr Siebeck).

Nyers, Peter (2006), Rethinking refugees: Beyond states of emergency (New York: Routledge).

Pittaway, Eileen and Pittaway, Emma (2004), ‚Refugee Woman: A Dangerous Label. Opening A Discussion the Role of Identity and Intersectional Oppression in the Failure of the International Refugee Protection Regime For Refugee Women‘, Australian Journal of Human Rights, 10 (2).

Sigona, Nando (2003), ‚How Can a „Nomad“ be a „Refugee“?: Kosovo Roma and Labelling Policy in Italy‘, Sociology, 37 (1), 69-79.

Turton, David (2003), ‚Conceptualising Forced Migration‘, RSC Working Paper Series (12; Oxford: RSC).

UNGA (1951), ‚Convention Relating to the Status of Refugees‘, in United Nations (ed.), Treaty Series, vol. 189, p. 137 (New York: United Nations).

UNHCR (2015), Global Trends 2014: World at War (Geneva: UNHCR).

Zetter, Roger (1991), ‚Labelling Refugees: Forming and Transforming a Bureaucratic Identity‘, Journal of Refugee Studies, 4 (1), 39-62.

— (2007), ‚More Labels, Fewer Refugees: Remaking the Refugee Label in an Era of Globalization‘, Journal of Refugee Studies, 20 (2), 172-92.

 

[1] In der Flüchtlingsdefinition der Genfer Flüchtlingskonvention fehlen Geschlechterbezüge, sodass das Flüchtlingskonstrukt geschlechtslos zu sein scheint. Hingegen wurde der Flüchtling zur Zeit der Etablierung der Konvention stereotypisch mit einem jungen, politisch aktiven Mann identifiziert, was als „männliches Paradigma“ (Markard 2007: 376) bezeichnet wird. Dadurch wurden weibliche Flüchtlinge tendenziell marginalisiert oder blieben gar unsichtbar (Edwards 2003: 49).

 

Zur Autorin:

Dr. Ulrike Krause ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Konfliktforschung der Pilipps-Universität Marburg. Sie ist Mitglied des DFG-Netzwerks Flüchtlingsforschung, dessen Blog sie als Redakteurin betreut.