Zugegeben, die meisten von uns schauen gerne Filme, Dokumentationen und Serien: zu Hause, im Kino oder in der Bahn, alleine, mit der Familie oder mit Freunden. Warum also nicht auch Filme im Seminar nutzen oder den nächsten Aufsatz darüber schreiben? In der aktuellen Ausgabe der zib diskutieren Axel Heck und Gabi Schlag filmtheoretische und -methodische Ansätze, deren Kenntnis für den kritischen Umgang mit bewegten Bildern in den IB notwendig ist. In diesem Blog-Beitrag kritisieren sie den Einsatz von Filmen als Illustration von IB-Theorien und plädieren für einen differenzierten Umgang mit dokumentarischen und fiktionalen Genres in der Lehre und der Forschung.

 

von Axel Heck und Gabi Schlag

 

 

 

Filme und die (missverstandene) Vermittlung von IB-Theorien in der Lehre

Der Einsatz von Filmen und populären Serien hat sich gerade in der IB-Lehre in kurioserweise auf die Illustration von Theorien fokussiert. Wer Realismus verstehen will solle „Herr der Fliegen” (1963, 1990) oder „Game of Thrones” (seit 2011) schauen – so die zentrale, aber missverstandene Idee. Cynthia Weber, die gerne als Kronzeugin für die Verwendung von Filmen in der Lehre herangezogen wird, hat Filme nicht in erster Linie genutzt, um Theorien zu erläutern, sondern um die Mythen zu identifizieren, auf denen IB-Theorien basieren. Im Vorwort zur ersten Auflage schreibt sie:

„I was disappointed with how students interacted with IR theory. Despite my best critical intensions, students would find a particular aspect of IR theory they could identify with, attach themselves to it as ‚the way things are‘, and evaluate every other theory they would hear in relation to it” (Weber 2005: xvii).

Eine kritische Auseinandersetzung mit IB-Theorien, so Weber weiter, beginne mit der Frage, wie Theorien es schaffen, dass ihre Erzählung darüber, wie internationale Politik funktioniere, als wahr erscheine: „What makes the stories these IR traditions tell about international politics appear to be true?” (Weber 2005: xviii). Aufgabe von Lehre gegenüber den Studierenden sei dann, „to make them better readers and writers of stories, better interpreters of not just ‘the facts’ but of the ‘organization of facts’” (Weber 2005: xviii). Solch ein Lesen und Schreiben von Geschichten lerne man am besten anhand eines vertrauten und zudem erzählenden Mediums: dem Film.

So verstanden ist es absolut nachvollziehbar, Filme im IB-Seminar einzusetzen. Aber wer meint, man könne (sinngemäß) anhand des nutzenmaximierenden Verhaltens der Zwerge in der „Herr der Ringe”-Trilogie (2001, 2002, 2003) den Neoliberalismus erklären, ist unserer Meinung nach auf dem Holzweg. Um den Neoliberalismus zu illustrieren stellen realweltliche Herrschaftsstrukturen und Produktionsverhältnisse genug Anschauungsmaterial zur Verfügung – und es kann (und darf) von Studierenden der Politikwissenschaft wirklich nicht zu viel verlangt sein, sich auch im Rahmen eines Seminars (mal) mit realen Problemen unserer Zeit und wissenschaftlichen Texten zu beschäftigen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Trend, Filme in der politikwissenschaftlichen Lehre und Forschung zu nutzen, ist prinzipiell erfreulich; durch ihn wird der Blick für unterschiedliche Formen der Bedeutungs- und Wissenserzeugung geöffnet (zum Überblick: Engert/Spencer 2009). Doch problematisch ist, dass die theoretische und methodische Reflexion über Filme als Medien oftmals zu kurz kommt. In unserem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der zib versuchen wird dies etwas ausführlicher zu erläutern.

 

Warum sind Filme dennoch für die IB relevant?

Nun mögen einige einwenden, was denn das ganze Theorie- und Methodengedöns schon wieder soll – kann man nicht einfach mal einen Film schauen lassen, weil er ganz gut passt, für Studierende und Lehrende eine didaktische Abwechslung darstellt und man durch Filme vielleicht sogar Uninteressierte für das Fach IB begeistern kann? Wir wollen hier ganz gewiss nicht die Rolle der SpielverderberIn einnehmen, doch ganz so einfach ist der Umgang mit Filmen unserer Meinung nach nicht.

Viele Filme sind in der Lage, die Vorstellungen des Betrachters über die „Welt” zu beeinflussen: Bisher gültige Gewissheiten werden bekräftigt oder hinterfragt, gesellschaftliche Mythen erzeugt oder entzaubert, Unbekanntes sichtbar gemacht, politische Skandale aufgedeckt oder Missstände angeprangert. Indem Filme soziale und politische Wirklichkeit(en) erzeugen, vergegenwärtigen, verfestigen und herausfordern, leisten sie einen performativen, das heißt bedeutungsgenerierenden und mitunter sogar identitätsstiftenden Beitrag. Filme produzieren somit auch Wissen, indem Ereignisse auf ästhetisch-narrative Weise koserviert und im kollektiven Bewusstsein verankert werden – bis hin zu dem Phänomen, dass z. B. TV-Serien wie „CSI: Crime Scene Investigation” (2000-2015) öffentliche Erwartungen an die tatsächliche Arbeit der Justizbehörden prägen (sog. CSI-Effekt; s. van Veeren 2009: 365-6).

Filme sind insofern keine Abbilder von Wirklichkeit, sondern performative Repräsentationen: sie schaffen ihre eigene(n) Wirklichkeit(en) auf sehr unterschiedlichen erzählerischen Ebenen und rücken, je nach Thema und Genre, gesellschaftliche und politische Lebensrealitäten in den Mittelpunkt. Als Repräsentationen sind Filme daher nie unproblematisch, da sie Wirklichkeit(en) mit filmspezifischen, ästhetischen und technischen Mitteln konstruieren. Eben diese Mittel – Cynthia Weber spricht von der „organization of facts” (Weber 2005) –, ihren Einsatz und ihre Effekte zu verstehen, ist essentieller Bestandteil einer kritischen Filmanalyse und erfordert, sich mit dem theoretischen und methodischen Vokabular der Filmwissenschaften zumindest ansatzweise vertraut zu machen. Schnell wird man entdecken, dass es hier durchaus sehr unterschiedliche Perspektiven, äußerst kontroverse Debatten und keine allgemeingültigen Weisheiten gibt (z. B. Filmsemiotik, Neoformalismus).

Schauen wir uns etwas detaillierter an, welche Filme in der Lehre und Forschung eingesetzt werden. Hierzu nehmen wir das dokumentarische und das fiktionale Genre in den Blick.

 

Dokumentationen und Reportagen

Zahlreiche Filme thematisieren historische Ereignisse und dokumentieren soziale, wirtschaftliche oder ökologische Probleme wie z. B. „Fog of War” (2003), „We Feed the World” (2005), „Darwin’s Nightmare” (2004), „An Inconvenient Truth” (2006), „Restrepo” (2010), „Camp Armadillo” (2010), „The Act of Killing” (2012), „The Islamic State” (2014) oder aktuelle Beiträge wie etwa „The Look of Silence” (2015) und „Democracy” (2015). Doch auch Reportagen und Dokumentationen folgen einer spezifischen Erzählstruktur und verwenden technische und ästhetische Mittel, um ihre jeweiligen Narrative in sinnvoller Weise zu entfalten. Sie stellen nicht einfach „Wissen” dar, sondern tragen zu dessen Produktion bei (van Munster/Sylvest 2015).

Für viele Lehrveranstaltungen mag es naheliegend erscheinen, Dokumentarfilme als Anschauungsmaterial einzusetzen. Doch dabei sollten die genrespezifischen Eigenheiten, die Art und Weise, wie Dokumentarfilme erzählerisch aufgebaut und technisch umgesetzt werden, reflektiert werden. Wie Patricia Aufderheide betont sind Dokumentationen in erster Linie „portraits of real life using real life as their raw material, constructed by artists and technicians who make myriad decisions about what story to tell to whom, and for what purpose” (Aufderheide 2007: 2).

 

Fiktionale Filme und Serien

Doch nicht nur Filme, die einen dezidiert dokumentarischen Anspruch erheben, können Teil einer Lehrveranstaltung oder eines Forschungsprojekts sein. Auch fiktionale Filme werden immer häufiger eingesetzt, wie die zahlreichen Publikationen zu Hollywood-Blockbustern und populären TV-Serien zeigen. Der fundamentale Einwand, dass fiktionale Filme doch primär der Unterhaltung dienen und folglich im ernsten „Geschäft” der Wissenschaft nichts verloren hätten, ist schnell gemacht. Laura Shepherd merkt selbstkritisch in ihrem Buch über „Gender, violence and popular culture” an: „I found it difficult to articulate a persuasive answer to the most fundamental challenge to any research project: ‘So what?’” (Shepherd 2013: 2).

Zweifellos verfolgen Regisseure, Produzentinnen, Drehbuchautoren und Schauspielerinnen primär das Ziel, ihr Publikum zu unterhalten, zu fesseln und zu begeistern. Gleichzeitig verkennt die Grundsatz-Kritik am Einsatz von Filmen und Serien aber die Performativität von populärkulturellen Artefakten gerade dort, wo gesellschaftlich und politisch hoch umstrittene Themen verhandelt werden. Filme und Serien produzieren mehr oder weniger autoritative Geschichten und Narrative über gender, Gewalt und Konflikte. Insbesondere die Auseinandersetzung mit Kriegsfilmen weist eine lange Tradition auf, da weitgehend unbestritten ist, dass auch fiktionale Filme über den Zweiten Weltkrieg oder den Krieg in Vietnam das kollektive Bewusstsein nachhaltig geprägt haben (zum Überblick: Klein et al. 2006).

Zwar gilt es auch bei fiktionalen Filmen die genrespezifischen Konventionen und die erzählerischen Mittel zu reflektieren. Doch in erster Linie müssen fiktionale Filme, die primär zu Unterhaltungszwecken produziert wurden, aber auch Dokumentationen, die oftmals den Anspruch der Wissensvermittlung erheben, auf theoretischer Ebene für eine politikwissenschaftliche Untersuchung eingerichtet und reflektiert werden. Schließlich nimmt wohl kaum jemand ernsthaft an, dass eine Zuschauerin alles für bare Münze nimmt, was ihr das Hollywoodkino oder Guido Knopp so serviert.

 

Filme + Politikwissenschaft = Filmpolitologie!

Wir halten eine Auseinandersetzung mit Filmen in der Lehre und Forschung für ausgesprochen sinnvoll und gewinnbringend. Ziel sollte daher sein, eine Filmpolitologie zu entwickeln, die sich theoretisch und methodisch reflektiert der Bedeutung und Relevanz des Mediums Film in den IB/iB widmet. Dafür muss man aber verstehen, mit welchen narrativen, visuellen, ästhetischen, affektiven und technischen Mitteln Filme Sinn, Bedeutung und Wissen erzeugen und welche Filme und Filmgenres sich für eine Lehrveranstaltung oder eine Analyse besonders eignen – und welche eher nicht. Dies lässt sich nicht verallgemeinern, sondern muss von Fall zu Fall durchdacht werden.

Will man die kritische Absicht von Cynthia Weber also ernst nehmen, so bleibt einem der Blick in die filmtheoretische und -methodische Literatur nicht erspart – oder positiv gewendet: Es tut gut, auch mal über den eigenen disziplinären Tellerrand hinauszuschauen, um zu verstehen, wie filmische Wirklichkeit(en) erschaffen werden. Es tut aber auch gut, sich einfach mal die neue Staffel „House of Cards” (2015) an einem verregneten Wochenende reinzuziehen, ohne irgendeinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, ob und wie das jetzt für die nächste Lehrveranstaltung (oder den nächsten Aufsatz) relevant sein könnte: also, einfach auch mal abschalten beim einschalten!

 

Literatur:

Aufderheide, Patricia 2007: Documentary Film: A Very Short Introduction, Oxford University Press: Oxford.

Engert, Stefan/Spencer, Alexander 2009: International Relations at the Movies: Teaching and Learning about International Politics through Film, in: Perspectives 17: 1, 83-103.

Heck, Axel/Schlag, Gabi 2015: „And… Cut!” Theoretische und methodische Überlegungen zur Analyse von Filmen in Lehre und Forschung, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 22:2, 129-152.

Klein, Thomas/Stiglegger, Marcus/ Traber, Bodo 2006: Filmgenres: Kriegsfilm, Reclam: Stuttgart.

Shepherd, Laura J. 2013: Gender, Violence and Popular Culture: Telling stories, London and New York: Routledge.

van Munster, Rens/Sylvest, Caspar 2015: Documenting International Relations: Documentary Film and the Creative Arrangement of Perceptibility, in: International Studies Perspectives 16: 3, 229-245.

van Veeren, Elspeth 2009: Interrogating 24: Making Sense of US Counter-terrorism in the Global War on Terrorism, in: New Political Science 31: 3, 361-384.

Weber, Cynthia [2001] 2005): International Relations Theory: A Critical Introduction, London and New York: Routledge.

 

Autorenangaben:

Dr. Axel Heck ist seit Oktober 2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Dr. Gabi Schlag vertritt im Wintersemester 2015/16 die Professur für „Internationale Beziehungen: Politik in der Weltgesellschaft” an der Universität Bremen. Seit August 2012 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Axel Heck und Gabi Schlag koordinieren das von der DFG geförderte wissenschaftliche Netzwerk „Visualität und Weltpolitik” (2016-2018), dem insgesamt 12 Forscherinnen und Forscher in Deutschland und den Niederlanden sowie weitere internationale Kooperationspartner angehören.