Liebe Leserinnen und Leser,

die nächste Ausgabe der zib erscheint erst Ende November. Hier können Sie das Editorial aber jetzt schon lesen – und kommentieren.

Ihre zib-Redaktion


 

Christopher Daase

Editorial zur zib 2/2015

Ich glaub’, ich bin im falschen Film…

»Academic politics are so vicious
precisely because the stakes are so small.«
Henry Kissinger

Der Titel für dieses Editorial stand schon Wochen vor der Mitgliederversammlung der DVPW in Duisburg fest. Er sollte auf das Forum über innovative Methoden in der Lehre in diesem Heft hinweisen. Dass er mit dem Geschehen während des DVPW-Kongresses eine zusätzliche Bedeutung erhalten würde, hatte ich nicht geahnt. Tatsächlich haben viele in Duisburg das Gefühl gehabt, im falschen Film zu sein. Gerade schien die Eschenburg-Debatte mit einem Sonderplenum und einem einfühlsamen Vortrag von Jeffrey Olick leidlich überstanden zu sein, da brachten die Mitgliederversammlung und die Wahl des künftigen Vorstands die DVPW an den Rand des Ruins. Da steht sie nun, mit einem Vorstand, aber ohne Vorsitzenden, kurz: vor einem Scherbenhaufen.

Der scheidende Vorstand und Teile des Beirats haben ihr Ziel erreicht, einen neuen Vorstand mit Michael Zürn an der Spitze und mit Mitgliedern der sogenannten Initiativgruppe, die ein Reformprogramm für die DVPW vorgelegt hatte, zu verhindern.[1] Die Krokodilstränen, die jetzt geweint werden, sind heuchlerisch; das Bedauern von Zürns Rücktritt ist scheinheilig. Die Stimmung war feindselig und die Schmähung orchestriert. Die scheidende Vorsitzende ging bis an den Rand des Amtsmissbrauchs, als sie auf der Mitgliederversammlung Anschuldigungen erhob und dem zur Wahl stehenden Ticket die Legitimität absprach.[2]

Man muss keineswegs mit allen Punkten auf der Reformagenda einverstanden sein oder alle Personen auf dem Ticket der Initiativgruppe mögen. Man kann sicher auch konzedieren, dass die Kommunikationsstrategie der Gruppe nicht immer glücklich war und die Werbung für einen Reformprozess in den Sektionen der DVPW viel zu spät eingesetzt hat. Man kann aber nicht bezweifeln, dass sich hier einige der Besten unseres Fachs bereit erklärt hatten, ihre Arbeitskraft und ihre Reputation für die Vereinigung einzusetzen. Wie mit diesen Kollegen und Kolleginnen in Duisburg verfahren wurde, wie die maximale Beschädigung der Kandidatinnen und Kandidaten zumindest billigend in Kauf genommen, wenn nicht beabsichtigt wurde, ist schändlich. Einen Kandidaten zu befragen ist das eine, ihn mit fischigen Fragen vorführen zu wollen, etwas anderes. Auf Unstimmigkeiten im Vorfeld hinzuweisen, ist das eine, die zur Wahl Stehenden öffentlich zu diskreditieren, etwas anderes. Aufgabe und Pflicht des scheidenden Vorstands wäre es gewesen, einen Übergang zu einem neuen Vorstand zu bewerkstelligen – wenn schon nicht in Kooperation mit der Initiativgruppe, dann durch Aufstellen eines geeigneten Gegenkandidaten.

Viel wird davon abhängen, wie sich die so Düpierten – und düpiert sind wir alle, die an die Reformfähigkeit der DVPW glaubten und der Initiativgruppe zutrauten, die deutsche Politikwissenschaft national und international wieder aufzuwerten – in der Zukunft verhalten. Ich halte nicht viel von Rücktritten und Austritten.[3] Aber wenn man wiederholt das Gefühl hat, im falschen Film zu sein, sollte man sich fragen, ob man (noch) im richtigen Kino ist.

Im Grunde gibt es fünf Szenarien für die Zukunft:

Fortgesetztes Engagement

Die Initiativgruppe könnte den mit dem Kasseler Workshop begonnenen Diskussionsprozess fortsetzen und ungeachtet der Anfeindungen ihr Reformprogramm fortentwickeln und dabei für ihre Position werben. In einem Jahr, wenn der Interimsvorstand auf der Dreiländerkonferenz zurücktritt, könnten sich die Mitglieder erneut zur Wahl stellen und auf eine freundlichere Aufnahme ihrer Agenda hoffen. Das würde allerdings viel Gleichmut und Ausdauer verlangen. Vielleicht sind die Wunden zu tief, die Enttäuschung zu groß und der Ausgang zu ungewiss, als dass man ein fortgesetztes Engagement erwarten könnte.

Innere Emigration

Die Initiativgruppe und mit ihr diejenigen, die sich in ihrem Sinne bislang in der DVPW engagiert haben, könnten sich wieder zurückziehen und das Feld denen überlassen, von denen sie so heftig bekämpft wurden. Jeder und jede einzelne von ihnen hat hinreichend nationale und vor allem internationale Kontakte, um wissenschaftlich nicht zu vereinsamen und sich weiterhin zu engagieren. Leidtragende wäre in erster Linie die DVPW, weil einige ihre profiliertesten Mitglieder sich nicht mehr in ihren Gremien und an ihren Konferenzen beteiligen würden. Allerdings hat der bereits erwähnte Jeffrey Olick in seinem Vortrag zu Recht auf die Zweifelhaftigkeit der inneren Emigration hingewiesen und mit Thomas Mann eine klarere Positionierung in Konfliktfällen angemahnt.

Kollektive Emigration

Eine solche klare Positionierung wäre zum Beispiel ein kollektiver Austritt. Die Frage ist nur, wie viele Kolleginnen und Kollegen man für eine gemeinsame Emigration gewinnen könnte, damit sie ihre demonstrative Wirkung nicht verfehlt. (Die Austritte nach der Eschenburg-Entscheidung waren so gering, dass sie nicht wirklich beeindruckt haben.) Wichtiger noch ist die Frage: Wohin emigrieren? Wenn man nicht bereit ist, eine dritte Standesvereinigung der Politikwissenschaft zu gründen – was in der Tat lächerlich wäre – wäre ein kollektiver Austritt aus der DVPW und ein kollektiver Eintritt in die DGfP denkbar. Das allerdings hätte etwas Ironisches, denn die DGfP galt den meisten Mitgliedern der Initiativgruppe bislang als wissenschaftlich etwas zurückgeblieben – was sie freilich längst nicht mehr ist.

Abspaltung der Internationalen Beziehungen

Auch wenn nur einige Mitglieder der Initiativgruppe der IB zuzurechnen sind, wird das Geschehen auf der Mitgliederversammlung von vielen als insbesondere gegen unsere Teildisziplin gerichtet wahrgenommen. So ist ein viertes Szenario denkbar: die Gründung einer eigenen Fachvereinigung für internationale Politik. Das nun würde die IB-Sektion direkt betreffen, die dann Farbe bekennen müsste. Allerdings spricht einiges gegen eine Unabhängigkeitserklärung der IB. Insbesondere würde die IB damit den problematischen Partikularismus in den Sozialwissenschaften befördern und die Kooperation über die Teilgebiete hinweg, die gerade die deutsche Politikwissenschaft auszeichnet, vermutlich beeinträchtigen. Die spannendsten Forschungsfragen befinden sich bekanntermaßen an den Schnittstellen der Teildisziplinen.

Informelle Koordination

Wenn man darüber hinaus den administrativen Aufwand einer neuen Organisation scheut, kommt als letzte Option noch die informelle Koordination in Frage. Wer braucht, könnte man fragen, überhaupt noch eine Fachvereinigung mit Gremien, Mitgliedsbeiträgen, einer Verwaltung, einem Amtsblatt und Jahresversammlungen? An Mitteln für Konferenzen, die Herausgabe von Zeitschriften und die Nachwuchsförderung würde es den „großen Standorten“ und den gut vernetzten Kollegen und Kolleginnen gewiss nicht fehlen. Wichtige Abstimmungen könnten informell koordiniert werden. Leidtragende wären allerdings wieder die kleineren Standorte und die Kolleginnen und Kollegen, die in den informellen Zirkeln nicht vertreten sind. Auch die Nachwuchsförderung würde (noch) selektiver werden. Die integrierende Wirkung formaler Organisationsstrukturen ist nicht gering zu schätzen.

Was immer die Initiativgruppe und wir alle in den nächsten Wochen und Monaten tun – es sollte nicht mit Blick zurück im Zorn, sondern mit Blick auf die zukünftige Entwicklung des Faches geschehen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wie der neu gewählte Vorstand und Beirat (und die beratende Task-Force) die Übergangszeit nutzen werden, die DVPW wieder in ruhigere Gewässer zu bringen. Für die Bereitschaft, dies zu versuchen, gebührt den Gewählten großer Respekt und hinreichend Unterstützung.

Wenn die Duisburger Ereignisse nicht nach einer Reaktion, auch im Editorial der zib, verlangt hätten, hätte ich an dieser Stelle ausführlicher auf die Neuerungen in der zib eingehen können.

Das vorliegende Heft ist das erste, das ganz in die Verantwortung der Frankfurter Redaktion fällt. Insbesondere möchte ich auf das Forum zu Film und Lehre in den IB verweisen, das ein aktuelles Thema aufgreift. Wer Charlie Carpenter als Daenerys Targaryen auf der letzten ISA in San Francisco gesehen hat, der ahnt, dass IB-lerInnen ungeahnte Kreativkräfte frei setzen, wenn sie mit HBO-Serien (und anderen) konfrontiert werden. Im Forum wird gefragt, was Film und TV-Serien für die Lehre in den IB leisten können.

Mit dieser Ausgabe hat die zib zugleich ein neues Design erhalten, das, wie wir hoffen, den etwas zeitgemäßeren Zugriff auf unsere Themen signalisieren soll. In diesem Zusammenhang ist endlich auch der neue zib-Blog unter zib-online.org online gegangen, der ein neues Medium der Diskussion für die IB-Community bereit stellt, in dem Artikel kommentiert und Debatten angestoßen werden können. Es bleibt dabei: Kein Editorial muss mehr unwidersprochen bleiben!

Vor allem freut uns, dass wir mit dem Aufsatz von Simon Koschut zu Emotionen in den internationalen Beziehungen den besten Beitrag der offenen Sektionstagung in Magdeburg abdrucken können. Wer die ausgewählten besten drei Aufsätze liest,[4] dürfte es zumindest für diskussionswürdig halten, dass es keine deutschsprachige IB-Diskussion mehr geben kann.

Sicher ist es gut, sich nach den hässlichen Auseinandersetzungen der letzten Wochen und Monate wieder auf unser Kerngeschäft, die Wissenschaft, zu konzentrieren. Dazu laden die hier abgedruckten Aufsätze ein. Man könnte darüber den Eindruck gewinnen, dass es wichtigere Dinge gibt als Verbandspolitik, und dass sie nicht so vicious geführt werden müsste, wie zuletzt in Duisburg.

 


[1] Schon im Vorfeld hatte es Unstimmigkeiten gegeben, auf die die Herausgeber dieser Zeitschrift in ihrem letzten Editorial hingewiesen haben (vgl. zib 1/2015). Leider hat dieses Editorial zu weiterer Missstimmung beigetragen. Dabei war seine Absicht vor allem, die IB-Community an ihre Pflicht zu erinnern, sich auch im nationalen Kontext zu engagieren, anstatt nur aus sicherer Entfernung Kritik zu üben. (Nur nebenbei: Mit »Käse« war tatsächlich Käse gemeint und mit »Wald-und-Wiesen-Politologen« meinten wir uns selber.)

[2] Ich kann nicht verhehlen, dass meine Empörung darüber, wie Kolleginnen und Kollegen hier miteinander umgegangen sind, groß ist. Sie ist umso größer als die scheidende Vorsitzende selbst – vollkommen zu Recht! – auf das empörende Verhalten anderer ihr gegenüber und gegenüber dem Vorstand während der Eschenburg-Debatte hingewiesen hatte.

[3] Ich selber bin nicht zurückgetreten, weil ich im Vorstand hinsichtlich des Wahlmodus eine Minderheitsmeinung vertrat, sondern erst als ich als stellvertretender Vorsitzender über die Entscheidungen des Vorstandes nicht mehr informiert wurde.

[4] Im Rahmen des Auswahlverfahrens wurden noch zwei andere Manuskripte ausgezeichnet: Jennifer Gronaus Beitrag zur Selbstlegitimation der G8 und der G20 (in diesem Heft) und Carola Betzolds Artikel zur deutschen Klimaanpassungshilfe (im letzten Heft).